Ich hasse Enden.

Warum ich nicht mit, aber auch nicht ohne Enden leben kann. Und warum wir mittlerweile unfähig geworden sind, Geschichten enden zu lassen. Ein Hass-Liebes-Brief an Enden. 

Ich liebe “Nier” und konnte es deswegen auch ewig nicht übers Herz bringen, es zu Ende zu spielen.

Ich hasse es, wenn Geschichten zu Ende gehen, gute Geschichten zu Ende gehen. Ich habe solche Angst davor, Geschichten enden zu lassen, die mir ans Herz gewachsen sind, dass ich es teilweise nicht mal mehr übers Herz bringen kann, diese überhaupt weiterzuverfolgen – beinahe als hätte ich Angst, dass die Geschichte selbst danach einfach verschwinden würde.

Besonders schlimm war das bei “Nier”. Das Endzeit-Action-Adventure hatte mich so sehr gepackt, dass ich ihn einfach abrupt abbrechen musste, als bei mir das Gefühl entstand, ich würde mich jetzt langsam dem Ende nähern. Tatsächlich war das nicht einmal ansatzweise der Fall (vor allem, da nach dem ersten Ende auch noch drei weitere auf mich warteten). Aber die Angst vor dem Abspann war einfach zu groß und ich musste eine “kleine” Pause einlegen. Dass aus dieser “kleinen” Pause dann letztendlich etliche Monate wurden und ich “Nier” wieder komplett von vorne beginnen musste, lässt die Entscheidung umso dümmer erschien, in dem Moment schien sie mir jedoch einfach die einzige Lösung zu sein. Auf diese Weise kann man Enden irgendwie auch aus dem Weg gehen.

Ich liebe Enden

Ich hasse Enden, umgekehrt kann ich es eigentlich gar nicht erwarten das Ende einer Geschichte zu erreichen. Oft werfe ich sogar in Büchern einen kurzen Blick auf das Ende – bevor ich überhaupt die ersten 50 Seiten gelesen habe. Ich muss ja schließlich wissen, ob es sich überhaupt lohnt, mich weiter in die Handlung zu vertiefen. Sonst stehe ich am Ende da und bin vollkommen enttäuscht von dieser Zeitverschwendung. Eine gute Geschichte ohne ein gutes Ende ist für mich keine gute Geschichte – da mag der Rest des Buches noch so schön erzählt sein. Passt das Ende nicht, ist das Buch bestenfalls Mittelmaß.

Serien sind für mich deshalb unerträglich. Ich will einfach so schnell wie möglich erfahren, wie eine Geschichte wohl ihre Ende nimmt. Ob mein Lieblingscharakter das Staffelfinale überleben oder schon in der nächsten Staffel durch eine andere Figur ersetzt wird. Und während Thilo neben mir noch gespannt auf die Mattscheibe schaut, habe ich inzwischen schon die Handlung der nächsten zwei Staffeln bei Wikipedia nachgelesen – und bin dann doch enttäuscht darüber, dass keine neue Staffel mehr angesetzt wurde, weil das Ende nicht wirklich zufriedenstellend war. Manchmal bin ich mir selbst einfach nur ein Rätsel.

Von der Unfähigkeit Geschichten enden zu lassen

Seltsame Angewohnheiten hin und her – warum habe ich eigentlich solche Angst davor, Geschichten enden zu lassen? Und das obwohl sie mir doch eigentlich so wichtig sein. Es ist ja nicht wirklich so, als würde “Nier” plötzlich zu Staub zerfallen, meine Konsole explodieren und sämtliche Beweise für eine Existenz des Spiels plötzlich im Nichts verschwinden (auch wenn meine Existenz in dem Spiel vielleicht ausgelöscht wird). Ich könnte “Nier” auch einfach nochmal von vorne beginnen. Oder ist es etwa, weil ich dann die Geschichte nicht noch einmal ein erstes Mal erleben würde und alle Dinge bereits vorher wüsste? Andererseits ist es ja nicht so, als würde ich mich nicht sowieso schon durch meine elendige Ungeduldsgooglerei ständig selbst spoilern.

Vor wenigen Tagen, habe ich dazu in einem Kommentar unter unserem “Ende?”-Startbeitrag einen interessanten Denkanstoß bekommen: “…gibt es in Zeiten von Franchises und Universes und wo alles eigentlich darauf hinausläuft einen Nachfolger zu implizieren überhaupt noch richtige Enden?” (Vielen Dank, Lenny!) Eine gute Frage. Gibt es überhaupt noch Enden? Und was für mich vielleicht noch viel wichtiger ist: Sind wir denn im Umkehrschluss überhaupt noch in der Lage, Geschichten enden zu lassen?

Tatsächlich sind wir es durch Franchises, Universen, Serien und Reihen mittlerweile so sehr gewohnt, dass Geschichten immer weiter gesponnen werden. “Star Wars” geht bald mit “Die letzten Jedi” schon in die achte Runde (die ganzen Nebengeschichten, die durch die Disney-Übernahme verloren gegangen sind, mal ganz ausgenommen), bei den Marvel-Filmen habe ich bereits aufgehört zu zählen. “Assassins Creed” findet sowieso keine Ruhe und von “Call of Duty” sowie den ganzen anderen Videospielreihen möchte ich mal gar nicht weiter sprechen. Und wenn dann mal eine Reihe wirklich abgeschlossen ist (sofern das überhaupt noch passiert), kann man sich sicher sein, dass in irgendeinem Internetforum garantiert noch eine Fanfiction das Vermächtnis dieser Geschichte weiterzuspinnen versucht.

Lesetipp: Aurelia (Geekgeflüster) hat in ihrem Blogparaden-Beitrag “Ende gut, alle tot. – Wie Sequelism gute Geschichten zerlegt” übrigens auch die Problematik von ewigen Fortsetzungen in einem interessanten Kommentar aufgegriffen. Schaut da doch auch mal vorbei. 

Sind wir wirklich so schlecht darin geworden, Dinge einfach einmal so zu belassen, wie sie sind – nämlich mit einem endgültigen “Ende”? Dabei gibt es doch so viele andere Geschichten zu erleben, dass es wirklich eine Schande wäre, sich nur einem Universum zu widmen. Ich selbst habe noch eine ganze Reihe offener Videospiele im Regal stehen – man braucht sich da bloß mal meine Spielsammlung anzusehen, um zu wissen, dass ich nun wirklich keine Angst vor einem endenden Spiel zu haben brauche. Da warten garantiert noch fünfzig weitere Titel auf mich, die ich unbedingt in den nächsten Jahren noch gespielt haben muss.

Und obwohl ich das weiß, obwohl ich weiß, dass Spiele nicht einfach verschwinden, sobald sie einmal zu Ende gespielt wurden. Obwohl ich weiß, dass da draußen noch mehr als genug wunderbare Geschichten auf mich warten, mehr als ich in meinem Leben wahrscheinlich erleben kann. Obwohl ich Serien und Reihen eigentlich wie die Pest verachte, habe ich mich selbst dabei ertappt, wie ich mich über “Nier: Automata” freue, weil ich endlich keine Angst mehr haben musste “Nier” zu Ende zu spielen.

Tja, und jetzt? Jetzt habe ich aber keine Zeit mehr dafür gefunden. Selber Schuld.

 



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Caecilia

Caecilia

Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden.

Nachdem der Traum vom Leben in Land der aufgehenden Sonne spätestens am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin in den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf.

Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele erstmal aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.
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2 Kommentare:

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