Festgeräusche

Wie klingt es eigentlich, wenn Japaner feiern? Für den Auftakt der “Stadtgeräusche”, war ich letzte Woche Montag beim  alljährlichen “Jidai Matsuri Festival” und musste feststellen – viel zu hören gibt es da eigenlich nicht. 

Eigentlich hatte ich mir so ein Fest ja immer anders vorgestellt. Lauter, schriller – naja, was man eben so “feiern” nennt. Bei deutschen Stadtfesten zum Beispiel klingt das in etwa so:

… oder so:

Schlagermusik, schlechte Coverbands, Gespräche, die sich gegenseitig überlagern und zu einem unverständlichen lauten Stimmenwirrwarr verschmelzen. Nicht, dass deutsche Straßenfeste damit unbedingt der Standard “guten Feierns” sein würden, eines dürfen Feste aber schon sein: Lauter.

Nun muss ich aber gleich hinzufügen, dass das Kyotoer “Jidai Matsuri Festival” mit solchen Festen eigentlich überhaupt nichts zu tun hat. Keine Schlagermusik, keine Coverbands und nicht einmal ein paar Imbissbuden sind bei dem historischen Fest zu finden, das in Kyoto jedes Jahr im Herbst anlässlich des kaiserlichen Umzugs nach Tokio gefeiert wird. Meine erste Assoziation hätte also nicht weiter von dem entfernt sein können, was ich vergangenen Montag erleben konnte.

Was ist das Jidai Matsuri

Das Jidai-Matsuri (“Festival der Zeitalter”) ist eines der drei größten Feste in Kyoto. Jedes Jahr gedenkt man damit am 22. Oktober dem Umzug der Kaiserlichen Hauptstadt nach Kyōto im Jahre 794. Ironischerweise wurde das erste “Jidai-Matsuri Fest” im Jahr 1895 aus einem ganz gegenteiligen Grund eingeführt: Ursprünglich sollte das Fest nämlich einfach nur die Stimmung in der Stadt etwas anheben, nachdem Kaiserlicher Hof und Hauptstadt 1868 nach Tokio umgezogen waren.

Doch wie darf man sich dieses “historische Fest” nun vorstellen?

Zunächst einmal ist das “Jidai Matsuri” kein “Fest” – zumindest nicht in dem Sinne, wie wir es uns vielleicht vorstellen würden. Wenn überhaupt würde ich es eher mit einem Festzug, einer Art Parade vergleichen. Nur eben keiner der Art “bunte Werbeveranstaltung”; voller jubelnder Menschen, Marschkapellen, Pop-Musik und Ballons in Form von bekannten Figuren der Popkultur. So wie man das vielleicht mit der New Yorker “Thanksgiving Parade” verbinden würde.

Statt bunter Fantasie- und Comicgebilde, Drachen oder Luftschlangen ist das gesamte Personal in historische Gewänder unterschiedlicher Rangordnungen gehüllt, die sich nun knapp zwei Stunden mehr oder weniger stillschweigend durch die Straßen schleichen. Zwei Stunden, die einem wirklich lang vorkommen kann, wenn man als überforderter Europäer den andächtigen Schritten von Samurai, Bauern, Adligen und später sogar dem Kaisergewand lauschen will. Fragt mich also nicht, wie, was und warum da passiert ist – ehrlich gesagt, hatte ich nämlich selbst keine Ahnung. Wikipedia, oder Japanblogs können das sicher besser erklären. Weil sich da aber eben höchstens Bilder oder Beschreibungen finden lassen, möchte ich das nur durch ein paar akustische Eindrücke ergänzen.

Zuerst werden die Mikoshi (tragbare Schreine) des ersten und des letzten in Kyōto residierenden Kaisers zum Alten Kaiserlichen Palast getragen, danach begibt sich eine Prozession von etwa 2.000 Personen mit Begleitung durch Trommeln und fünf Bands auf den fünfstündigen, 2 km langen Weg zum Heian-Schrein. Gesehen mit europäischen Augen ist die Stimmung dieses Umzugs eher traurig. Abgesehen von den Instrumentenspielern erfolgt der Umzug bei tiefstem Schweigen sowohl seitens der Darsteller als auch der Zuschauer.

Wikipedia

Marschkapellen auf Japanisch

Mir war ja bereits bewusst, dass in Japan alles etwas ruhiger verläuft. Straßenlärm findet man hier nur in Form von röhrenden Autos, Streiterein auf offener Straße dagegen fast gar nicht. Zur Rush Hour in den U-Bahn und Metro Stationen herrscht zwar jede Menge Gewusel, lautstarke Diskussion oder Gelächter, wie ich es bisher aus anderen Großstädten kannte, sucht man hier aber vergeblich. Kein Wunder also, dass ein Großteil des andächtigen Festzugs hauptsächlich so klang:

Auch wenn es in den Beispiel gerade so klingt, dass der Festzug noch in weiter Ferne ist – tatsächlich ist das Geschehen hier schon in vollem Gange. Am besten könnt ihr das wohl an Pferdetraben hören, wenn gelegentlich ein paar Reiter vorüberziehen. Der Rest der Darsteller bewegte sich dagegen recht langsam und lautlos, sodass die Gespräche der Zuschauer das eigentliche Geschehen akustisch oft überlagerten.

Die Musik, die sich hier übrigens bereits im Hintergrund andeutet, wird von einer, der in Wikipedia als “Bands” bezeichneten, Musiker gespielt. Obwohl der Begriff “Band” hier vielleicht etwas irreführend sein dürfte – denn beim “Jidai Matsuri” hüpfen keine Rock- oder Pop-Bands durch die Gegend. Die musikalische Untermalung, insofern sie denn stellenweise einmal vorhanden ist, ist traditionell und wird gelegentlich von ein paar Musikern mit dem Umzug getragen – ähnlich einer Marschkapelle. Obwohl auch das kaum ein treffender Vergleich sein dürfte. Aber hört am besten selbst:

Und hier nochmal zum Spaß am Vergleich eine Marschkapelle bei der New Yorker Thanksgiving Parade mit “Let it Go”:

 

Werden jetzt alle von Ohrwürmern geplagt? Dann können wir ja zum spaßigen Teil übergehen. Beschreiben kann ich nämlich viel, will ich aber bei den “Stadtgeräuschen” eigentlich nicht. Also: Kopfhörer rein, klickt euch einfach durch meine kleine Playlist und dann viel Spaß bei der Reise in die historische Klangwelt Japans!

 

 

Caecilia

Caecilia

Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden.

Nachdem der Traum vom Leben im Land der aufgehenden Sonne schon am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin mit den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf.

Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele vorerst aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.
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    Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden. Nachdem der Traum vom Leben im Land der aufgehenden Sonne schon am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin mit den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf. Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele vorerst aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.

    2 Comments:

    1. Das ist ja abgefahren. Melancholische Marschmusik. Zackig geht anders, aber trotzdem braucht man offenbar auch dort Gleichschritt und Paukendonner. Ein Witz der Kulturen.

      • Ja nicht wahr? Ich musste mich auch erstmal dran gewöhnen – “aufheitern” geht meiner Meinung nach doch etwas anders. Und jetzt wo du es so sagst: Wenn ich so recht drüber nachdenke, scheint mir das “Jidai Matsuri” auch nur eine Werbeveranstaltung zu sein. Vielleicht werden da keine Pop-Figuren oder Marken beworben, am Ende ist es aber auch nur eine “Werbeveranstaltung” der kaiserlichen Regierung und da kommt Gleichschritt immer etwas besser. Parade bleibt also doch irgendwie immer Parade. Nur die Form ist etwas anders.
        (Oh, und “historische Truppen” sind übrigens auch mit Gewehren ausgestattet durch die Straßen marschiert. Natürlich darf sowas nicht fehlen.)

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