Hörtheater gegen das Schweigen

Mit “atlas” hat das Leipziger Schauspiel eine Produktion auf die Bühne gebracht, die für Thilo zu den Highlights der Spielzeit gehört. Denn Thomas Köcks Stück hat nicht nur ein spannendes Thema, sondern geht geschickt über das Thema hinaus. Philipp Preuß hat dafür einen immer wieder überraschenden Zugang gefunden. 

Foto: Rolf Arnold

atlas am Schauspiel Leipzig

Ich komme an – ein wenig erschöpft und ausgelaugt. Denn ich habe vorher schon eine Theaterkritik zu einem mäßig guten Abend geschrieben. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr euphorisch, weil einen guten Abend erwarte, zum Einen weil nicht zwei Abende in Folge schlecht sein können und zum Zweiten wurde ich bisher nur selten von der Leipziger Diskothek enttäuscht. Wie immer steckt in meiner Tasche das Stück „atlas“ von Thomas Köck, das ich zu zwei Dritteln gelesen habe (erwähnte ich, dass ich etwas im Stress war?). An der Abendgarderobe erstehe ich dann auch den Band mit der Klimatrilogie des Autors, denn textlich hat mich, was ich bisher gelesen habe, interessiert. 

Ich verrate – das Thema dieses Abends: Im weitesten Sinne geht es um Vietnam. Ich kann mich noch erinnern, wie in meiner Jugend von ‚Fidschis‘ und ‚Vietnamesen-Läden‘ gesprochen wurde – erkennbar mit despektierlichem Ton, als Fremdkörper. Heute gilt diese Bevölkerungsgruppe als positives Beispiel für Zuwanderung, weil sie eben nicht auffallen, für sich bleiben. Umso spannender finde ich den Ansatz, hier zu sensibilisieren. „atlas“ erzählt in sich überschneidenden Erzählsträngen und überlagernden Bildern, wie eine Frau aus Vietnam in der DDR ankommt, wo sie als Arbeitskraft helfen soll und wie sie dort die Wende erlebt. Ihre Tochter sucht später nach ihren Wurzeln und der Großmutter. In Vietnam spricht sie mit ihr über die heute wieder sehr aktuell gewordene Geschichte von Pulau Bidong, einer Flüchtlingsinsel bei Vietnam. 

atlas am Schauspiel Leipzig

Ich sehe – erstmal nicht viel. Diese Inszenierung verzichtet, entgegen meiner sonstigen Erfahrung mit dem Regisseur Philipp Preuß, auf große Bilder. Dennoch ist das Bühnenbild auf seine Weise interessant, gerade weil es zuerst das Theater sichtbar macht und es im nächsten Schritt in die Außenwelt trägt. Vorneweg gilt es etwas über den Spielort zu sagen, an dem die Premiere stattgefunden hat: Die Diskothek ist ein Nebenspielort am Leipziger Schauspiel, an dem eigentlich nur Uraufführungen und Gegenwartsdramatik stattfinden. Dafür wurde die ehemalige Diskothek Schauhaus umgebaut, die für lange Zeit direkt neben dem Schauspielhaus existierte. Heute ist es ein großer, natürlich schwarzer Raum, der sich beliebig einrichten lässt und ebenerdig gelegen ist. Genau das ist beim Betreten auch zu sehen: Die Zuschauertribüne ist auf der langen rechten Seite installiert. Die drei großen Fenster sind nicht verdunkelt, schwaches Licht fällt von dort in den Theaterraum und das Publikum kann sehen (und hören), wie Autos und Straßenbahnen auf dem Innenstadtring vorbeifahren. Vor den Fenstern stehen im gleichmäßigen Abstand drei Kleiderstangen, an denen Jacken hängen. Die Kostüme sind ebenfalls schlicht gehalten, weiße Gewänder und alltägliche Jeans. Erst zum Schluss gibt es einen Bruch, wenn sich die vier Darsteller auf offener Bühne Kleider aus dem 19. Jahrhundert anziehen. Durch die Fenster sehen wir eine Kutsche vorfahren und das vierköpfige Ensemble geht – nicht zum ersten Mal an diesem Abend – raus, steigt in die Kutsche und fährt davon. 

Ich höre – schon fast eine Art Live-Hörspiel. Das ist nur zum Teil auf den sehr musikalisch angelegten Text zurückzuführen, sondern auch auf den zurückhaltenden Regieansatz. Das Stück beginnt mit einem philosophischen und lyrischen Text über die Zeit. Die vier Schauspieler stellen sich an ein einzelnes Mikrofon. Sie nehmen Gläser voller klirrender Eiswürfel, gießen Wasser dazu und flüstern den Text dazwischen. Das alles vermischt sich mit tontechnischen Mitteln zu einem fast schon überirdischen Klang, der auch später noch einmal wiederkehrt. Die Tontechnik ist auch darüber hinaus gefordert, denn immer wieder verlassen die Darsteller den Bühnenraum und gehen nach draußen. Die Zuschauer sehen sie durch die schaufensterartigen Scheiben und Mikroports holen die Stimmen in den Raum. Ansonsten arbeitet der Text mit vielen Wiederholungen, die die Darsteller auch in ihr Spiel aufnehmen, die Texte gleichförmig sprechen und nur langsam steigern. Da es letztlich auch ein Stück über Migration und Fremdheit ist, hören wir auch immer wieder andere Sprachen: Schwyzerdütsch, russisch, französisch und sogar ein wenig vietnamesisch. Gerade an dieser Stelle kommen auch Einspieler, wie vietnamesische Sprachaufnahmen, zum Einsatz.  

Ich beobachte – eine erfindungsreiche und in weiten Teilen minimalistische Inszenierung. Ja, die Inszenierung verlässt sich nicht allein auf eine leere Bühne und schauspielerische Leistung, sondern setzt, wie schon beschrieben sehr viel Tontechnik ein. Doch so sehr sich Puristen immer wieder über Mikroports aufregen – in diesem Fall ist ihr Einsatz sehr clever. Doch auch neben diesen klanglichen Spielereien überzeugt diese Inszenierung, bei der Preuß statt Bildern stimmungsvolle Situationen schafft. Drei Darstellen stehen in den Fenstern und werden selbst zu Ausstellungsobjekten (haben sich die vietnamesischen Gastarbeiter damals vielleicht so gefühlt?) und die langjährige Ellen Hellwig setzt sich rechts vor das Publikum und spricht mit ihrer Enkelin. Überzeugend verkörpert sie die Gefühle dieser Figur, in der vielen zwischen den Zeilen passiert. Denis Petkovic tritt nach vorne und gibt den Dolmetscher. Er dreht sich immer wieder zu den Fenstern um, über denen Texte – mutmaßlich die vietnamesische Übersetzung des Stückes – projiziert werden und liest quasi ab. Dabei bleibt er, das denke ich bei ihm immer, etwas kantig. Er geht mit Sophie Hottinger auf die andere Seite der Schaufenster und schaut sich ein imaginatives Tryptichon an. Gerade durch die Scheiben wirkt das Spiel natürlich und situativ. Auch Marie Rathscheck geht natürlich in ihren Rollen auf, wenn auch mit etwas weniger Tiefe als ihre Spielpartnerin: Sie setzt sich mit Ellen Hellwig in eine Fensterbank und fragt sie aus, will mehr über die Vergangenheit wissen. Bald geht auch sie raus und die drei Schauspieler wandern vor den Fenstern zwischen den Bäumen entlang – ein poetisches Bild als Gegenstück zu den Schrecken der Flüchtlingskrise der 60er. 

Ich fühle – mich etwas müde (erwähnte ich das bereits?), doch das hat wenig mit dem Stück zu tun. Eher im Gegenteil hält mich die Aufführung wach und in Spannung. Zugegeben, gibt es gerade am Anfang von “atlas” einige Längen, denn das Spiel mit den Klängen zieht sich. Auch an anderer Stelle überzieht es die Inszenierung mit dem Klang: An einzelnen Stellen wird melancholische, drückende Musik als Loop eingespielt, natürlich um Emotionen zu wecken. An sich funktioniert das auch. Doch der wiederholte Ansatz lässt manche Momente wie eine aufpolierte Gesellschaftsdokumentation oder ein sozialkritisches Spielfilmdrama wirken. Es sind kleine Momente des Überdrusses, die den Gesamteindruck nicht schmälern. Zu Beginn fühle ich allerdings wenig, dazu ist das Stück zu clever, zu politisch. Ich habe fast schon Angst, dass es mir zu anstrengend werden könnte. Erst wird über die Zeit philosophiert und ich denke mit. Dann wird der Unort Flughafen gezeigt, dieser Transitraum mit ganz eigenen Regeln der Identität und ich gleiche es mit meinen eigenen Erfahrungen ab. Ich stelle mir vor, wie die Ankunft und das Leben der Gastarbeiter in der DDR und während der Wende gewesen sein muss. Doch dann gibt es auch emotionale Momente: Drei der Darsteller*innen stellen sich neben die Kleiderstangen. Sie ziehen die dort hängen Kleider immer wieder an und aus. Jedes Mal schmeißen sie den benutzten Metallkleiderbügel auf den Boden. Dabei erzählen sie von Einzelschicksalen der vietnamesischen Gastarbeiter. Die Intensität von Lautstärke und Gefühl nimmt mit jeder Wiederholung zu und treibt mir einen Schauer über den Rücken. Ruhiger ist hingegen ist die Aussprache der Tochter mit der Großmutter, die von ihrer Fluchtgeschichte erzählt und dabei an Bilder von Ertrunkenen erinnert, die wir noch heute aus Medien kennen und das damalige Versprechen, dass so etwas nie wieder passieren soll. 

Ich sage – dass “atlas” eine wunderbare Produktion ist, die höchstens zwei kleine Schatten hat: Sie hat zu Beginn vielleicht etwas Länge, was auch mit dem zweiten Problem zusammenhängt. Denn dieses Stück fordert einen Zuschauer, der sich kurz über den Inhalt informiert. Die Handlung passiert und wird nicht erklärt, das Thema direkt gezeigt und langwierig verhandelt. Darin liegt eine Stärke. Denn die Produktion wird so konkret wie nötig, um eine Geschichte anzudeuten, um auf das Thema hinzuweisen. Aber sie lässt auch genug Raum, um den Zuschauer nicht zu erschlagen. Wer sich auf den Text und die Inszenierung einlässt erlebt einen sprachlich und inszenatorisch poetischen Abend mit starken Momenten. 

Thilo

Thilo

Freier Journalist und Blogger at schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
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