Theater lesen – warum sollte man das tun?

Ich liebe es Dramen zu lesen. Denn Theatertexte folgen anderen Regeln und halten sie dann nicht immer ein. Deswegen erfordert Theater lesen Hingabe und vielleicht auch etwas Training. Warum ihr die Texte trotzdem lesen solltet, erkläre ich hier.

Beim Theater lesen kann man die Bühne selbst bespielen. Foto: Keo Oran on Unsplash

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie vor einigen Jahren mit großer Erwartung das Harry Potter-Theaterstück erschienen ist? Plötzlich haben sich alle ein Theaterstück in Textform gekauft, weil sie unbedingt wissen wollten, was nun aus ihren Lieblingsfiguren geworden ist. Ich hatte die große Hoffnung, dass auf einmal alle entdecken, wie großartig es sein kann, Theatertexte zu lesen. Leider war das eine herbe Enttäuschung – nicht zuletzt weil „Das verwunschene Kind“ keine gute Geschichte und noch weniger ein gutes Theaterstück ist. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, mehr Leute zu begeistern. Das will ich hier mal Stück für Stück versuchen: Ich will erklären, warum es sich lohnt, welche Theaterstücke veröffentlicht werden und wie man Theaterstücke am besten lesen kann. Falls euch das jetzt schon zu lang wird: Am Ende gibt es eine Zusammenfassung.

Theatertexte bestehen aus Leerstellen

Viele Leute sind erstmal abgeschreckt von der Idee, ein Theaterstück einfach zu lesen, wo es doch dafür gemacht ist, dass ich es als einfache Rezipient*in einfach auf der Bühne sehe. Andere sehen dann vielleicht, dass es einen ganz anderen Blick auf einen Theaterbesuch ermöglicht, wenn man das Stück auch liest. Sie sind dann aber von der Form abgeschreckt, die alle Erklärungen ausspart und vieles der eigenen Interpretation überlässt. (Das begeistert mich am Theater lesen übrigens am meisten, aber ich will nicht vorgreifen.)

„Das Lesen von Theatertexten ist gar nicht so einfach, weil das kein lustbetontes Lesen ist, wie das Lesen von Literatur. Theatertexte sind in der Anlage unvollständige Kunstwerke, weil sie viel Platz lassen müssen für Schauspieler*innen, deren Interpretation, deren Körperbewegung im Raum, die Ideen der Regie. Ein guter Theatertext ist nur ein Teil von etwas ganzem, was man sich beim Lesen dazu vorstellen muss. Das will geübt sein. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand sagt, er macht das sehr gerne. Denn ich finde es tatsächlich sehr anstrengend.“

Das erzählt Friederike Emmerling. Sie ist Lektorin bei S. Fischer und bei dem Verlag für die Abteilung Theater verantwortlich. Wenn das schon eine Expertin, eine professionelle Leserin sagt, kann man zu Recht fragen, wozu sich die Mühe lohnt.

Theatertexte sind verdichtete Sprachkunstwerke

Dankenswerter beantworten der Fischerverlag und Friederike Emmerling diese Frage selbst. Im Nachwort zur ersten Ausgabe der „Dramatischen Rundschau“ (die die Reihe „Theater Theater“ ablöst) schreiben die Herausgeber*innen:

„Leider wird zeitgenössische Dramatik kaum noch gelesen. Dabei passen Umfang und Form eigentlich perfekt in unsere Hocheffizienzgesellschaft. Theaterstücke erinnern in ihrer Geschlossenheit an Kurzgeschichten, in ihrer Komplexität an Romane, in ihrer Sprache an Lyrik und in ihrer politischen Dichte an Essays. Das Drama ist nicht weniger als ein literarisches Gesamtkunstkonzentrat.“

Das fasst es so gut zusammen, dass ich es am liebsten auf Postkarten drucken möchte und in jeder Buchhandlung verteilen will. Es beschreibt genau das, was ich an Theatertexten so sehr liebe.

Ich versuche es mal konkreter und beispielhaft auszuführen: Anstatt eine Begegnung seitenlang zu beschreiben, passiert sie im Theater einfach und jede Erklärung – wie ist die Stimmung, das Verhältnis usw. – erklärt sich in kurzen Stichworten und der wörtlichen Rede. Während ein Roman immer überlegen muss, welche Perspektive er benutzt, ist das Theaterstück schon in der Anlage multiperspektivisch, weil jede Figur für sich spricht. Und weil Theater immer lebendig ist, müssen sich die Autor*innen immer überlegen, wie sie die Welt darstellen und können viel mehr gleichzeitig machen, während in Lesetexten meist alles nacheinander passiert. Theater lesen ist daher auch immer schräges Lesen – und das finde ich natürlich großartig und macht mir Spaß.

Zeitzeugnisse des Theaters

Theatertexte zu lesen hilft aber auch dabei das Theater selbst besser zu verstehen. Denn wie schon angedeutet spielen Dramatiker*innen gerne mal mit der Form: Miroslava Svolikova oder Wolfram Höll schreiben die Figur nicht einfach immer davor, sondern sortieren sie in einer Art Tabelle. Thomas Melle hat in „Ode“ Teile des Textes rechts- oder linksbündig aufgeschrieben je nachdem, wo er den Text politisch verortete. ferdinand schmalz schreibt in seine Texte gerne Pausen. Bei der Uraufführung von „der herzerlfresser“ wurden die mit Herzschlägen übersetzt. „Es ist ein musikalisches Lesen, gerade bei anspruchsvolleren Theatertexten in dem Sinne, dass die Dramen nicht unbedingt psychologisch realistisch angelegt sind, sondern dass man tatsächlich auf Rhythmus guckt“, sagt Emmerling.

Sprachkunstwerke

„Da ist eine große Konzentration erstmal auf die Sprache“, sagt Dörte Eilers. Als Chefredakteurin des Fachmagazins „Theater der Zeit“ sucht sie jeden Monat einen Theatertext aus, den sie abdruckt. „Es beeinflusst unsere Suche nach Theaterstücken, dass ich immer froh bin, wenn ich Texte finde, die auch mit Sprache spielen, die auch eine poetische Sprache versuchen.“ Dafür nennt sich Thomas Köck und Thomas Freyer, deren Stücke immer etwas Lyrisches haben. Auch bei Stücken von Elfriede Jelinek kann es sehr fruchtbar sein, nochmal etwas zu lesen. Denn diese Textflächen sind so dicht, dass man beim ersten Mal kaum alles verstehen kann.

Gerade bei Jelinek ist auch die Regie immer gefordert, sich zu überlegen, wie der Text auf die Schauspieler*innen verteilt werden kann. Ein Blick in den Text zeigt dann, welche Entscheidungen die Regie treffen könnte. Ich lese Stücke beispielsweise gerne vor der (Ur-)Aufführung, damit ich mich mehr auf die Regie konzentrieren kann. „Ich sehe, wenn ich ein bisschen geübt bin, in dem Text die Möglichkeiten, die diese spezielle Regie nicht nicht oder ganz anders als erwartet ausgeschöpft hat. Selbst ich, die ich viel ins Theater gehe, bin manchmal völlig überrascht, was eine Regie in einem Text gesehen oder was sie daraus gemacht hat – teilweise auch davon, was sie nicht in einem Text gesehen hat. Aber das ist natürlich das Großartige am Theater“, sagt Friederike Emmerling. Die Leerstellen lassen nämlich viel mehr Raum für Interpretationen.

Darüber diskutiert auch Emmerling mit ihren Kolleg*innen, wenn sie überlegen, welchen Text sie ins Programm nehmen. Denn natürlich eignet sich nicht jeder Text für das Lesen. Dörte Eiler nennt als Extrembeispiel „Murmel Murmel“ von Dieter Roth, das nur aus der ständigen Wiederholung des Titels besteht. Eiler erzählt, dass es schon oft Texte gab, die sie nach wenigen Seiten weggelegt hat, „was jedoch nicht heißen muss, dass es kein guter Text für das Theater ist.“

Welche Stücke werden veröffentlicht

Auf die Frage, was ein Text für einen Abdruck in ihrem Magazin mitbringen muss, kommt “Theater der Zeit”-Chefredakteurin Dörte Eiler wieder auf die Sprache zurück. Denn natürlich bleibt ohne Bühne, Licht und Kostüme fast nur noch die Sprache. Für Lektorin Friederike Emmerling ist außerdem noch die Relevanz ein Kriterium, also wie wichtig das Thema ist, dass im Stück eingeschrieben ist.

Da noch nicht so viele Menschen davon überzeugt sind, Theaterstücke zu lesen, ist das Veröffentlichen von Theaterstücken momentan noch eher ein Verlustgeschäft. Deswegen überlegt sich ein Theaterverlag gut, welche Stücke ihren Weg in die Läden finden. Ein wichtiger Aspekt ist der Bekanntheitsgrad der Autor*in. Stücke von J.K. Rowling oder Ferdinand von Schirach erscheinen gleich im Hardcover – obwohl es vieleicht auch nicht die besten Texte sind. Auch Roland Schimmelpfennig wird immer wieder abgedruckt, immerhin gilt als meistgespielter Dramatiker der Gegenwart. Dann ist es aber auch ein Ausdruck von Wertschätzung für die Schriftsteller*in. Zwar ist es am wichtigsten, dass das Stück gespielt wird, aber ein Buch ist auch eine Auszeichnung. Für Dörte Eilers geht es bei den Stückabdrucken daher vor allem darum, den Blick auf gute Autor*innen zu lenken. Außerdem sollen die Leser*innen auch an Entwicklungen der Dramatik teilhaben, wenn sie nicht wie die großen Kritiker*innen durch die ganze Republik fahren können.

Die Zusammenfassung:

Warum werden Theatertexte veröffentlicht?:

  • Gegenwartsdramatik sichtbar machen
  • Themen und Entwicklungen der jungen Dramatik aufzuzeigen
  • Als Wertschätzung für produktive Autor*innen
  • Manchmal verspricht der Ruhm der Autor*innen doch Absatz, obwohl die Form so unpopulär ist

Warum sollte ich einen Theatertext lesen?

  • Weil es dichte Texte sind
  • Weil sie Roman, Essay, Kurzgeschichte und Langgedicht gleichzeitig sein können
  • Weil es Sprachkunstwerke sind
  • Weil es Zeitzeugnisse des Theaters sind

Beiträge zum Thema “Theater!”

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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