Sonne, Mond und … Du!

Sie sind wie ausgedruckte Games – Spielbücher. Sie werden nicht von vorn nach hinten gelesen, und die Leser bekommen nicht einfach irgendeine Geschichte erzählt. Er trifft Entscheidungen, blättert wild durch das Buch und darf den Verlauf der Geschichte selbst mitbestimmen. Natürlich ist das hier nicht irgendein Spielbuch – es ist die Superlative der Spielbücher, denn es ist das längste: “Reiter der schwarzen Sonne” von Swen Harder.

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Nur noch wenige Schritte bis zum Tempel. Ein kurzer gehetzter Blick nach hinten: niemand. Doch du spürst, dass etliche Soldaten über die verschlungenen Kieswege auf dich zukommen. Das Netz der Verfolger wird enger.

Eine alt(bekannt)e Welt

Du wirst in ein Fantasieland versetzt, das kaum etwas mit Deiner Welt gemein hat. Schon seit Jahrhunderten herrscht hier Krieg zwischen zwei Völkern, die entweder der Sonne oder dem Mond zugeordnet sind. Dein Charakter wacht auf und muss feststellen, dass er sich an nichts erinnern kann. Ein kluger Einfall des Autoren, denn so wirkt keine Erklärung gewollt, denn alles was er zum ersten Mal hört, hörst auch Du zum ersten Mal. Außerdem werden all die Geheimnisse und Intrigen dieser Welt noch mysteriöser, weil jeder von Dir erwartet, dass Du sie noch kennst und Du sie so erkunden kannst.

cover_front_bigDie Welt, die sich hier vor Dir auftut, kommt Dir dennoch seltsam vertraut vor. Nicht weil Du sie wirklich kennst, sondern weil sie Dich an die vielen anderen Fantasy-Welten erinnert, mit ihren Drachen als Reittieren, den Magiern und Hohepriestern, den militärischen Trollen und Echsen. Das erscheint Dir vielleicht nicht so innovativ, aber es funktioniert.

Die Sprache in “Reiter der schwarzen Sonne” ist dem natürlich angemessen. Die Szenerie wird Dir so beschrieben, wie Du sie sowieso vorgestellt hast. Die Echsen erhalten einen merkwürdigen Namen und die Orte funktionieren nach bekannten Settings. So kann der Autor Swen Harder ganz knapp Szenerien entwerfen und Stimmungen vermitteln. Vielleicht ist das nicht poetisch, aber geschickt.

Vor dir liegt der Eingang des Großen Spalts, ein schmaler Weg oder bessere ein Riss im Felsmassiv des Varoon. Der Legende nach soll der geschützte Zugang zum heiligen Gipfel von den ersten Ugarith geschlagen worden sein und dich streckenweise unter das ewige Eis des Gletschers führen. Beklemmung und Ehrfurcht gleichermaßen begleiten dich beim Durchqueren der Klamm.

Die Papierspielmechanik

Das Spielsystem, Du könntest auch Gameplay sagen, erscheint Dir vertraut. Das Buch ist aufgeteilt in nummerierte Sektionen. Am Ende einer jeden Sektion bekommst Du verschiedene Aktionsmöglichkeiten zur Auswahl, die Dich zu nächsten Sektion führen. Du kannst Dinge einsammeln und auf einem Abenteuerblatt notieren. Dazu gehören auch Waffen, mit denen Du hin und wieder einen Kampf beschreiten sollst. So funktioniert das eigentlich bei jedem Spielbuch.

Doch Dir bieten sich auch geniale spielerische Einfälle. Sofort fällt Dir auf, dass Du zwar würfeln musst, aber dennoch keinen Würfel benötigst, denn das Buch ist selbst der Würfel, indem am Seitenende einfach Bilder von Würfeln abgedruckt sind und Du nur ganz zufällig eine Seite aufschlagen musst. Die Kämpfe erfordern von Dir auch nicht nur plumpes draufhauen. Manchmal gibt es Fluchtmöglichkeiten, taktische Angriffe und Zwischenausgänge.

Außerdem bekommst Du die Möglichkeit Boni zu sammeln. Wenn Du die richtigen Entscheidungen triffst, kannst Du Extra-Sektionen erreichen, wo Du mit Informationen oder Spezialgegenständen belohnt wirst. Manchmal musst Du Dich dafür etwas trauen, manchmal erstaunlich schwere Rätsel lösen. Wenn Du genug von ihnen gelöst hast, kannst Du sogar ein Zusatzlevel, Entschuldigung, -kapitel erreichen.

Dir begegnet in diesem Spielbuch “Reiter der schwarzen Sonne” auch viel Selbstironie. Schon allein die Story: Wenn Dir dieses Mädchen sagt, das Du zwar das Gefühl hast, Du könntest Entscheidungen treffen, aber Du doch vom Schicksal geleitet wirst. Denn tatsächlich hast Du nur wenig Einfluss auf die Geschichte. Du kannst Deinen Charakter nicht selbst erstellen und Du kommst immer wieder zu denselben Knotenpunkten. Nur Dein Erfolg am Ende nimmt unterschiedliche Ausprägungen an. Doch die schönste Szene ist, wenn Dein Charakter sich an seine zahlreichen Tode erinnert, die Du vermutlich selbst verursacht hast.

Kaum sind Serens geheimnisvolle Worte verhallt, verwandeln sich ihre Ouoillen in ein Meer aus Farben- und Sternenfunkeln. Du verlierst dich in diesem hypnotischen Strudel und von einem Moment auf den nächsten brechen die Schmerzen von tausend Toden über dich herein.

Unsäglich Qualen martern dich.

Lies Sektion 565 und anschließend hier weiter (lege dazu den Finger in diese Seite).

565 Du gerätst ins Straucheln und willst dich irgendwo festhalten, doch dein hilfloser Griff geht ins Leere. Dann rutschst du an der Felskante des Pfads ab. Das Echo deines Todesschreis erschüttert das ganze Bergmassiv.

Dein Leben endet hier.

Der Blick vom Rücken eines fliegenden Drachenrückens

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Illustration von Fufu Frauenwahl.

“Reiter der schwarzen Sonne” löst sein Versprechen Dir gegenüber ein. Es ist ein außergewöhnliches Spielbuch und damit ist nicht nur der ernorme Umfang gemeint. Sicherlich musst Du Dich auf ein stereotypes Fantasy-Setting einlassen, aber das hat Dir auch keiner verschwiegen und sei ehrlich: Du wusstest, dass Rollenspiel und Fantasy eine sehr lange Beziehung haben. Aber Swen Harder entwickelt tatsächlich ein großartiges System und überrascht mit vielen schönen Einfällen. Du willst alle Bonussektionen erreichen und spielst gerne ein Level, pardon, Kapitel noch einmal. Manche der Rätsel wirst Du dann allerdings nicht einmal mit Cheating (du blätterst einfach durch die Seiten um die richtige Sektion zu finden) lösen, dafür brauchst Du dann schon das Lösungsbuch. Sicher, wieviel Einfluss haben Deine Entscheidungen schon, wenn es am Ende nur darum geht, wie zufrieden Dein Charakter ist. Aber Du spielst dieses Schicksal wirklich durch und es zieht Dich in den Bann.

Swen Harder: Reiter der schwarzen Sonne, Mantikore, 756 Seiten, 19,95€ (Das ganze gibt es auch mit einer Menge Extras)

 


Teil 1 / Teil 2a / Teil 2b / Teil 3

Formen von Interactive Fiction:

Spielebuch / Interaktiver Comic / Interaktives Hörspiel / Text Adventure

 

Thilo

Thilo

Freier Journalist und Blogger bei schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
Thilo

Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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