Der springende Punkt

Typografie kann also durchaus spannend sein kann. Wem der Einstieg über Bücher jetzt aber zu trocken ist, der kann mit “Type:Rider” auch ganz spielerisch in die Welt der Schriftarten eintauchen. Ein Blick auf das erstaunlich knifflige “Spiel der Typografie-Spiele”.

Typography is an old and invisible art that only a few people really know, but the history of letters is, in the end, the history of mankind. That’s why we set out to create a game that allows players to learn about the history of type while literally exploring it.

– Théo Le Du Fuentes (Arte Creative)

 

Als Punkt hat man es schon nicht leicht. Ständig rollt man Abgründe hinab. Wird zwischen Druckerpressen zerquetscht, oder von Buchstaben in die Ecke gedrängt. Wenn dann auch noch ein zweiter Punkt ständig an der Seite klebt, wird es noch umso schwerer zwischen allen drehenden, schiebenden und stampfenden Buchstaben das Gleichgewicht zu halten. Und schon rollt man wieder den nächsten Abgrund hinab.

“Type:Rider” ist wohl das “Videospiel aller typografischen Videospiele”. Ein Spiel, was sofort ganz oben in den Suchergebnissen erscheint, sobald Google nach “Videospielen und Typografie” durchforstet wird. Ich gebe zu: Das mag zwar auf dem ersten Blick nicht sonderlich schwer erscheinen (Wie viele Videospiele gibt es schon, die sich ganz um Typografie drehen?). Trotzdem: Ein Plattformer, der im Grunde nur aus Buchstaben besteht, als Protagonist – ein Doppelpunkt. Viel typografischer kann ein Videospiel doch schon fast gar nicht mehr werden

Worum geht es?

Es war einmal ein Punkt. Der lebte in einer Buchstabenwelt. Große Buchstaben, kleine Buchstaben, umgekehrte Buchstaben, drehende Buchstaben – aber nirgendswo ein Punkt. Und weil er sich so einsam fühlte, tat er sich eines Tages mit einem zweiten Punkt zusammen. Fortan rollten und hüpften beide gemeinsam glücklich durch die abenteuerliche Welt der Typografie. Ende.

Nein, mal ganz ehrlich. “Type: Rider” ist vieles, aber mit einer Handlung lässt sich der Plattformer sicher nicht beschreiben. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Der Spieler navigiert einen Doppelpunkt durch verschiedene Level, die allesamt eine bestimmte Epoche der Typografie repräsentieren. Gothic, Times, Futura und im Zusatzlevel schließlich sogar Comic Sans – jede wichtige Schriftart ist mit einem eigenen Level präsent und führt den Spieler in die Welt der Typografie. Am Ende kann dann zwar kein Endboss besiegt werden, aber zumindest in Punkto Typografie ist man dann um einige Erfahrungen reicher. 

 

Jump ‘n Run Lernspiel

Nun drängt sich natürlich der Verdacht auf: Ein Spiel, das vor allem Wissen über Typografie vermittelt und das vor allem auch noch von ARTE produziert wurde… Das klingt nach jeder Menge künstlerischen und lehrreichen Material, keinesfalls aber nach einem spaßigen Videospiel. Ein Besserwisser-Lernspiel wie es eben im Buche steht.

Ich muss gestehen, dass das am Anfang auch genau der Eindruck war, den mir das erste Level vermittelt hatte: Schnöde schwarze Ebenen, die ich im Grunde einfach nur hinabrollen musste. Gegebenenfalls noch ein kleiner Sprung, hier und da kurz die Balance halten oder einen kleinen Halblooping – viel mehr spielerische Herausforderungen gab es zunächst einfach nicht. Da halfen auch die paar Buchstaben oder Hintergrundinformationen über Typografieepochen, die es zwischendurch einsammeln gab, nur bedingt. Viel zu lernen, aber nur wenige Herausforderungen.

Spätestens nach dem dritten Level war dann dieses leichte Überlegenheitsgefühl aber passé – genau dann, als ich das erste Mal zwischen einer Druckerpresse zerquetscht wurde. Ein Level darauf brauchte ich schon zehn Anläufe, um überhaupt ans Ende zu kommen.

Dabei sind die einzelnen Level nicht einmal sonderlich knifflig gestaltet. Viele Jump ‘n’ Run Titel trumpfen da mit weitaus mehr Fallen und Gegnern auf. Wenn der eigene Avatar allerdings kaum mehr kann, als vor- und rückwärts zu rollen, etwas holprig zu springen und gelegentlich (das allerdings nur mit sehr viel Mühe) aufrecht auf einem Punkt zu balancieren, stellt ein einfacher Plattformwechsel eine ganz eigene Form der Herausforderung dar. Ein Doppelpunkt bietet nun kaum so viel Spielraum wie ein Mario oder Rayman und auf einmal wird der kleinste Sprung zum reinsten Staatsakt.


Type:Rider
Genre: Plattformer, Typografie-Lexikon
Developer: Ex Nihilo
Publisher: Plug In Digital
Release: 2013
Plattformen: PC, Mac, Android, IPhone, PlayStation 4


Übrigens können im Laufe des Spiels noch nicht einmal neue Upgrades hinzugewonnen werden, sodass der Punkt sich vielleicht irgendwann zu einem Würfel hochstufen ließe. (Ja, wahrscheinlich hätte es das kaum besser gemacht.) Zwar können in jedem Level einzelne Buchstaben und oder Sterne (*) eingesammelt werden – erstere dienen aber nur dem allgemeinen Sammlertrieb des Spielers. Die Sterne liefern immerhin Hintergrundinfos zu einzelnen Schriftarten. Zum Schluss konnte ich dann immer noch keine Feuerbälle schießen, wusste aber zumindet, dass Höhlenmalerei als frühe Form der Typografie gesehen werden kann.

Welt der Typografie

Trotz aller Sprungeinlagen und Geschicklichkeitsübungen ist “Type:Rider” nämlich vor allem eines: Ein Spiel über Typografie. Und das zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Infokästen zu Schriftarten, die sich über die Level hinweg einsammeln lassen. Vor allem – und das auch am eindrucksvollsten – erreicht der Plattformer das über sein Leveldesign.

TypoFact: Die Idee zu “Type:Rider” entstand übrigens mehr oder weniger zufällig. 2008 sollte Théo Le Du Fuentes, ein Pariser Designer und einer der Entwickler des typografischen Plattformers, für die Gobelins Schule für Angewandte Künste, Druck und Digitale Medien ein Spiel entwickeln. Dabei fand er heraus wie einfach es war Buchstaben als Spielelemente in Adobe Flash zu integrieren. Der Prototyp für “Type: Rider” war geboren.

Im Grunde ist nämlich jedes Level einem bestimmten Schrifttypos gewidmet, der wiederum einen ganzen eigenen Teil der typografischen Geschichte repräsentiert. Angefangen primitiven Wandmalereien, kämpfen sich die Doppelpunkte durch Gothic Schriften, bis hin zu Times New Roman und später auch Pixeln – mit jedem Level verwandelt sich “Type:Rider” in das reinste Sammelsorium aus Buchstaben und Schriftarten. Die dabei nicht nur äußerst dekorativ aussehen, sondern oft auch spielerisch (mal mehr, mal weniger hilfreich) eine ganz bestimmte Funktion erfüllen:

Da wird ein Level über die Zeit des Buchdrucks natürlich durch lauter Druckerpressen dargestellt. Das Level über Times New Roman setzt sich aus typischen Textblöcken einer Zeitung zusammen, die der Spieler durch Rollen verschieben kann. Und im Level über Pixel kämpfen sich die beiden Doppelpunkte natürlich über Textfenster und durch Tetris-Blöcke.T’s werden fahrenden Plattformen umfunktioniert und ein einfaches C zu einer Drehfalle, die – wenn mal nicht aufgepasst wurde – die beiden Punkte sofort in die Tiefe stürzen lassen.

Zum Ende wird “Type:Rider” nicht nur zu einem Lehrwerk über Schriftarten, sondern vor allem selbst zu einem kleinen Kunstwerk der Typografie; das nicht nur den Fontfanatiker, sondern auch Fans kreativer Videospielkonzepte begeistern dürfte.



Themenbeiträge:
Einführung // Experimentelle Typografie // Digitale Typografie // Typografie im Videospiel

Besprechungen:
“Alles oder Nichts” // “Typoman” // “Type:Rider”

 

Caecilia

Caecilia

Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden.

Nachdem der Traum vom Leben in Land der aufgehenden Sonne spätestens am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin in den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf.

Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele erstmal aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.
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Ehemaliger(?) “Final Fantasy”-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden.

Nachdem der Traum vom Leben in Land der aufgehenden Sonne spätestens am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin in den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf.

Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele erstmal aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.

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