Der fabulierende Buchstabe

Man soll ein Buch nicht nach einem Einband beurteilen, doch wenn man es aufschlägt, sieht es meist aus wie jedes andere: Schrift mit Serifen, Blocksatz mit Einschüben, vielleicht noch kursive Überschriften oder eine hübsche Initiale. Manche Bücher offenbaren aber schon beim ersten Aufschlagen eine faszinierende Welt, voller Farben, Schriftarten und Textinseln. Eine Typologie der experimentellen Typografie.

Die Typografie ist die Kunst eine Seite lesbar zu gestalten, also den Text in eine angemessene Form zu bringen. Der Grundsatz dabei lautet, dass die Typografie dem Text dienen soll. In der Regel erfordert das Standard-Lösungen: Eine Schriftart, die wir mit Romanen in Verbindung bringen, fließend und angenehm für das Auge, ebenso wie der Blocksatz. Doch manche Autoren wollen mehr, wie der Schriftsteller Markus Kutter, der eine experimentellere Anordnung für seinen Roman “Schiff nach Europa” verlangte oder wie der Typograf Klaus Detjen, der klassische Texte in neuem, manchmal auch gewagtem typografischen Gewand präsentiert. Nach der kleinen Einführung im letzten Beitrag will ich nun etwas näher auf experimentelle Strategien der Typografie eingehen.

Experimentelle Typografie vs. Konkrete Poesie vs. Visuelle Poesie

Als ich für diesen Artikel begonnen habe, mich näher mit dem Feld der experimentellen Typografie auseinanderzusetzen, bin ich gleich auf große Begriffsverwirrung gestoßen: Experimentelle Typografie, konkrete oder visuelle Poesie – was ist eigentlich was?

Wie auch bei der ‚normalen‘ Typografie ist das Ziel bei den Experimenten, den Text lesbarer zu gestalten – nur dass hier eben mit der Form gespielt, experimentiert wird. Dabei wird der Text mit optischen Mitteln strukturiert, wodurch manchmal auch ein anderes Leseerlebnis herausgefordert wird – bis hin zu den Fällen, in denen der Text seinen Gegenstand optisch nachahmt.

Ähnliche Strategien lassen sich zuweilen auch in der konkreten oder visuellen Poesie finden, von der sich die experimentelle Typografie jedoch komplett unterscheiden soll. Doch wie denn nun genau?

Ich bin nicht groß in die Tiefe literaturwissenschaftlicher Abhandlungen vorgestoßen (vor allem weil ich oft nur Anthologien finde konnte). Immerhin eine grobe Abgrenzung habe ich aber in dem Wikipedia-Artikel zur visuellen Poesie finden können und die besagt, dass experimentelle Typografie sich nur auf die Neueinrichtung bestehender Texte beziehen würde. Diese Trennung erklärt Werke wie “House of Leaves” und die Bücher von Raymond Federman aber kaum. Beide Werke lassen sich nur schwerlich der konkreten Poesie zurechnen.

Optik oder Inhalt

Also muss es noch eine andere Form der Unterscheidung geben. Dabei scheint mir der Ansatz aus dem Wikipedia-Artikel durchaus Potenzial zu haben. Die Unterscheidung liegt vielleicht wirklich in der Qualität des Textes, der visuell gesetzt wird. Kurz gesagt: Die Textanordnungen konkreter und visueller Literatur funktionieren in erster Linie über ihre Optik, während die Texte experimenteller Typografie auch abseits der Typografie eine Aussage transportieren.

Apfel von Döhl

Das berühmte Apfel-Gedicht von Reinhard Döhl

Ein beispielhafter Vergleich: Die erste Begegnung, die ich mit visueller/konkreter Poesie hatte, war in Form eines Apfels. Die Poesie erschließt sich hier nur über die Form, denn im Blocksatz wäre das Gedicht doch äußerst banal. Dementgegen würde die Beschreibung, wie sich Will Navidson durch die enge Gänge des “House of Leaves” zwängt, auch im Blocksatz funktionieren – es wäre nur wesentlich uninteressanter.

Die konkrete beziehungsweise visuelle Poesie funktioniert also in ihrem Ansatz anders als die experimentelle Typografie. Allerdings kommt es bei bestimmten Gestaltungsstrategien zu ähnlichen Wirkmechanismen. Welche Strategien es aber in der experimentellen Typografie gibt, habe ich selbst ein wenig geordnet und klassifiziert – in dem Versuch einer Typologie der experimentellen Typografie.

Was nicht alles möglich ist mit dieser Typografie

1. Wo der Text steht, kann viel bedeuten

Es ist eine Möglichkeit, unterschiedliche Teile der Erzählung einfach hintereinander zu schalten: Teil 1 und Teil 2. Vielleicht wechselt die Perspektive bei jedem neuen Kapitel, oder auch ganz willkürlich. Es gibt jedoch auch typographische Lösungen, diese Teile der Geschichte zu verknüpfen.

Zumindest in Deutschland dürfte das bekannteste Beispiel wohl “Das Ungeheuer” von Terezia Mora sein. Der Protagonist Darius Kopp ist bereits aus Moras vorherigen Roman “Der einzige Mann auf dem Kontinent” bekannt. Nachdem er seine Frau Flora durch Suizid verloren hat, versucht er sie endlich besser kennen zu lernen, indem er ihr Tagebuch liest und sich auf den Weg in ihre Heimat macht. Dabei ist seinem Roadtrip der obere Teil der Seiten vorbehalten, auf dem unteren Teil der Seiten mit einem Strich abgetrennt stehen Tagebucheinträge von Flora. Die Assoziation ist relativ naheliegend: Darius ist in der Oberwelt unterwegs und Floras Stimme bleibt ein Echo aus der Unterwelt.

Doppelseite aus Moras “Das Ungeheuer”

Ähnlich funktioniert auch das Buch von J.M. Coetzee “Tagebuch eines schlimmen Jahres”, bei dem im oberen Teil der Seite Essays stehen, in der Mitte Erinnerungen der autobiographisch wirkenden Figur C. und im unteren die Erzählung der Nachbarin und Sekretärin. Dadurch weicht Coetzee die Gattungsgrenzen auf und weist auf die Verknüpfung von Leben und Schreiben hin.

2. Eine Schriftart eröffnet Gedanken und viele Schriftarten eröffnen Ebenen

In meiner Einführung in die Typografie habe ich der Kunst der Schriftgestaltung schon viel Raum gegeben und meistens ist es in einem Buch auch nur eine einzelne Entscheidung, die der Typograf treffen muss. Der Roman “Schiff nach Europa” von Markus Kutter ist zum Beispiel direkt einer Schriftart gewidmet, der Akzidenz Grotesk. Doch gelegentlich müssen mehrere Entscheidungen getroffen werden, denn die verschiedenen Schriftarten sollen verschiedene Ebenen der Fiktion oder Erzählung anzeigen.

Ein deutliches Bespiel ist “House of Leaves” von Danielewski. Der Großteil des Textes ist in einer Standard-Serifenschriftart gesetzt, doch immer wieder wird dieser Text unterbrochen von Anmerkungen eines gewissen Johnny Truant, der erzählt, wie er diesen Text gefunden und zusammengesetzt hat und was das wiederum mit ihm gemacht hat. Dieser Text scheint roher zu sein und ist deswegen in einer Schriftart gesetzt, die eher der einer Schreibmaschine gleicht (wie etwa Courier New). Ähnlich arbeitet auch der Roman “RLF”, dessen Haupterzählung in einer klassischen Serifenschrift gesetzt wurde. Dazwischen finden sich Gesprächsprotokolle in schreibmaschinenähnlicher und sachliche Artikel in zurückgenommener, serifenloser Schrift.

Eine Doppelseite von Borries’ “RLF”

Ein besonders bemerkenswertes Beispiel experimenteller Typografie ist Barbara Cains typografische Inszenierung von Jean Cocteaus Monodram “Die geliebte Stimme”. Eine verlassene Frau telefoniert ein letztes Mal mit ihrem Geliebten – wenn sie nicht gerade von der Frau der Vermittlung (es waren andere Zeiten) unterbrochen wird – und versucht sich dabei nicht von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen. Cain hat es auf bemerkenswerte Weise geschafft, den Theatertext auf dem Papier zu inszenieren und die Stimmungen der Protagonistin in Schrift zu übersetzen. Dafür arbeitet sie unter anderem mit verschiedenen Schriftarten: Serifenlos für betont nüchterne Aussagen, Serifen für die normale, eigentlich permanent emotionale Konversation und handschriftenähnliche für Schwärmerisches – ganz grob zusammengefasst.

Eine Doppelseite aus Cains “Stimme”

Auch Klaus Detjen spielt in den Ausgaben der Typografischen Bibliothek (auf die ich später noch genauer eingehen werde) immer wieder Schriftarten. So wechselt die Schrift in Kafkas “In der Strafkolonie” auch im Absatz: Der sachlichen Beschreibung ist wieder eine serifenlose Schrift vorbehalten und die emotional durchsetzte und menschliche Sprache ist mit Serifen gesetzt.

3. Jetzt auch in Farbe

Die Trennung wird jedoch nicht immer in Schriftarten deutlich, sondern auch in Schriftfarbe. Im achten Band der Typografischen Bibliothek kombiniert Klaus Detjen dem Kleists Essay “Über das Marionettentheater” mit Briefen des Autors. Der Essay ist auf der oberen Seitenhälfte in Rot gesetzt, die Briefe auf der unteren Hälfte in zwei Spalten. Getrennt werden beide Teile von einer Art Bordüre, aus dem Text der ersten drei Kapitel der Bibel in Kapitälchen (Großbuchstaben) gesetzt.

Beide Anfänge aus Danielewskis “Only Revolution”

Ein Text muss also nicht immer nur in Schwarz-Weiß erscheinen. In Danielewskis Bücher ist das Wort Haus immer in Blau gesetzt, womit sich das Thema wortwörtlich in das Buch einschreibt (und schließlich auch in diesen Blog, als eine Ausdruck unserer Hochachtung). Auch in seinem folgenden Roman “Only Revolution” werden die Themen durch Typografie (ganz abgesehen von der Seitengestaltung) hervorgehoben. Dem männlichen Charaktere dieser Liebesgeschichte sind die Tiere zugeordnet, deswegen sind alles Tiernamen fett gedruckt, beim weiblichen Gegenpart passiert das gleiche mit den Pflanzennamen und bei beiden sind alle o’s und Nullen farbig, weil in diesem Werk der Kreis das Hauptthema ist. Angela Steideles Briefroman “Rosenstengel” ist dagegen durchgängig in zwei Farben gedruckt, um die zwei Erzählerstimmen voneinander abzusetzen.

4. Finde den Text mit Kästen, Linien, Pfeilen

Eine Seite aus Larsens “Die Karte meiner Träume”

Text muss also nicht immer nur gerade über die Seiten laufen und so kann eine gute Typografie den Blick sehr geschickt lenken, Löcher in den Text meißeln und drum herum wieder anbauen.

Ein besonders populäres Beispiel wäre Reif Larsens “Die Karte meiner Träume”. In diesem Roman über einen jungen – wirklich sehr jungen – Naturforscher führen immer wieder schmale, fast schon unsichtbare Pfeile den Lesenden aus den Text heraus zu wissenschaftlichen Anmerkungen. Das ist letztlich nur eine sehr gut gestaltete Form der Fußnote, doch teilweise erscheinen solche Hervorhebungen auch direkt im Text. In der experimental-typographischer Variante von Hugo Balls “Tenderenda” fasst Klaus Detjen Textstellen, die etwas von einem Aufruf haben, extra in Kästen. In der gleichen Reihe wurde auch der Titel “Ein Brief” von Hugo von Hofmannsthal typografisch interpretiert, wo Detjen neben vielen anderen Einfällen immer wieder mit unterschiedlichen Arten von Unterstreichungen arbeitet.

Eine Seite aus Thirlwells “Kapow!”

Auch Adam Thirlwell arbeitet in seinem Roman “Kapow!” mit einer Art Fußnote, wobei er die Fußnote allerdings nicht ans Seitenende stellt. Im Fließtext finden sich immer wieder seltsame Zeichen, die (so habe ich es verstanden) zu Textschnipseln führen, die ohne Rahmen mitten im Text stehen, gerne auf dem Kopf oder quer. So will der Autor (meiner Meinung nach erfolgreich) ein Gefühl von Verwirrung und Konfusion erzeugen.

5. Was ist eigentlich mit Bildern?

Zur Arbeit des Typographen gehört auch das Setzen von Bildern in den Text (was komplizierter ist, als es klingen mag). Natürlich gibt es hier auch experimentelle Zugänge, die fast schon in die bildende Kunst weisen können. Doch für den Moment habe ich entschieden, dass das hier einfach zu weit führen würde.

6. Auch ein leerer Raum ist ein Raum

Eine Seite aus Mallarmés “Ein Würfelwurf”

Die Typografische Bibliothek ist eine Reihe, die seit Mitte der 90er Jahre in verschiedenen Verlagen erscheint. Die mehr oder wenig gewagten Ansätzen werden dabei immer von Anmerkungen des Typografen Klaus Detjen begleitet, der mehr als einmal auf die Zeit des typografischen Aufbruchs verweist (wie auch Marinetti und die Futuristen, die Dadaisten oder Apollinaire) und vor allem auf Stephane Mallarmé. Dessen Gedichtband “Ein Würfelwurf” besteht nur aus wenigen Seiten, auf denen die Gedichte nicht einfach – wie sonst üblich – linksbündig mit vielen Umbrüchen stehen, stattdessen sind die Verse quer über die ganze Doppelseite verteilt. Klaus Detjen weist in seinen Anmerkungen darauf hin, dass hier (wie die Pause in der Musik) der leere Raum der Seite zum Teil des Textes wird. Durch die Leerstellen bekommt der Text in seiner Gesamtheit eine visuelle Qualität, beim Lesen müssen die Augen immer wieder Anschluss suchen und der Text, der sich an einzelnen Stellen verdichtet, wird schneller oder langsamer. Ähnlich arbeitet Detjen auch bei seiner typografischen Annährung an Hofmannsthals “Ein Brief”, dessen Texte beinahe komplett in seiner kleinste Struktur zerlegt wurde.

Den Vergleich zur Musik macht auch Markus Kutter im Nachwort zu seinem ‘synthetischem Roman’ “Schiff nach Europa”, in dem er meint, dass ein Komponist darauf achte, wie seine Musik gespielt wird, also sollten Autoren auch begleiten, wie ihr Text gestaltet wird. So arbeitet auch er mit Leerräumen: Zu Beginn, als der Protagonist von der Stadt erzählt, bleibt das ober Seitendrittel frei, wenn er jedoch über den Himmel und die Wolken nachdenkt, ist es das untere Seitendrittel frei. Andere Kapitel sind von schnellen Perspektivwechseln geprägt, die Kutter dadurch verdeutlicht, dass die einzelnen Perspektiven unterschiedlich weit eingerückt sind. Ein anderes Kapitel nutzt eine ähnliche Technik, jedoch nicht um verschiedene Erzählerpositionen zu verdeutlichen, die unterschiedlichen Einrückungen erinnern eher an die verschiedenen Kameraeinstellungen bei einer Filmszene.

Eine Doppelseite aus Kutters “Schiff nach Europa”

Ähnlich arbeitet auch der Dramatiker Wolfram Höll, der, statt die sprechenden Figuren immer vor die Figurenrede zu schreiben, die unterschiedlichen Stimmen durch eine Einrückung abtrennt, sie fast schon in einer Tabelle organisiert. Das ermöglicht dem Leser schon eine andere Stimmwahrnehmung im Kopf. Doch für Höll, der wie ein Lyriker mit vielen Umbrüchen schreibt, ist es vor allem die Möglichkeit seine Texte musikalisch zu organisieren, und die Mehrstimmigkeit zu verdeutlichen, wenn zwei Figuren gleichzeitig sprechen.

Aber es passt noch mehr Weiß auf eine Seite, wie in dem Jugendbuch “Und auch so bitterkalt” von Lara Schützsack: Als sich der Nachbarsjunge Jasper das Leben nimmt, gehen langsam die Worte aus, sodass nur noch einzelne Zeilen auf der Seite stehen. Dadurch nimmt mit dem zunehmenden Herzrasen gleichzeitig auch das Lesetempo zu, bis der Tod schließlich (so hat es schon Laurence Sterne gemacht) durch eine schwarze Seite dargestellt wird. In dem Roman “Die Verteidigung der Missionarsstellung” von Wolf Haas hört der Text dagegen mitten auf der Seite abrupt auf, um auf der Mitte der Folgeseite wieder fortgesetzt zu werden – denn der Erzähler hatte einen kurzen Leerlauf im Hirn. Im Buch von Maren Kames „halb taube halb pfau“ überwiegt das Weiß der Seiten sogar, sodass der Text im Schnee unterzugehen scheint oder wie Schollen umherschwimmt – Bilder, die der Text heraufbeschwört.

7. Schreien und Flüstern ist auch in der Bibliothek möglich

Eine Seite aus Detjens “Tendera”-Interpretation

Das Gegenstück zum beschriebenen Rhythmus wäre die Lautstärke, die sich leicht durch unterschiedliche Schriftgrößen herstellen lässt (oder gegebenenfalls durch Großbuchstaben, wie es uns die sozialen Medien lehren). Ein spannendes Beispiel wäre “Tenderenda der Phantast” von Hugo Ball in der Typografischen Bibliothek. Hier wechselt Klaus Detjen beständig die Schriftgrößen, um der sich ändernden Intensität des Textes gerecht zu werden. Auch in Haas‘ Roman “Die Verteidigung der Missionarsstellung” findet sich Spiel mit der Schriftgröße, die plötzlich winzig wird und an Flüstern erinnert. In einem besonderen Moment der Selbstbezüglichkeit, findet eine Figur den Text des schreibenden Hauptcharakters und beginnt den Anfang des Romans vorzulesen. Dabei wird die Schrift immer kleiner und alles verschwimmt, als würde die Stimme ausgeblendet. Bis dann eine andere Figur in doppelter Schriftgröße “Du blöder Hund” schreit.

Auch in Cains typographischer Inszenierung der “geliebten Stimme” schwankt die Schriftgröße (sogar innerhalb der Worte), um die schlechte Verbindung der Telefonleitung darzustellen. Doch wirklich leise wird die Verlassene nie, stattdessen schreit sie eher die Verbindungsdame an oder schluchzt ins Telefon – natürlich alles typografisch.

8. Zeilen sind wie Linien, man kann mit ihnen malen.

Eine Seite aus Haas’ “Verteidigung”

Bleiben wir noch etwas bei Cain. Denn ihr Vorhaben, einen Text typografisch zu inszenieren, kann kaum gelingen, wenn die Zeilen einfach gerade auf der Seite stehen. Stattdessen stehen sie leicht schräg auf den Seiten oder sind auch mal in Wellen gedruckt, um die Gefühlslagen der Sprechenden zu verdeutlichen. Wenn die Protagonistin besonders aufgebracht ist, erstrecken sich die Zeilen quer über die Seite und überlagern sich, sodass die Lesenden – als würden sie einer überschlagenden Stimme zuhören – nichts mehr verstehen können.

Zugegeben, an dieser Stelle nimmt die experimentelle Typografie schon Züge der konkreten Poesie an. So stehen die Zeilen bei Haas‘ “Verteidigung der Missionarsstellung” im rechten Winkel zu einander, wenn der Protagonist um die Ecke geht oder bilden ein Paisley-Muster, wenn der Text es erwähnt. Auch in Gedichten von Apollinaire bilden die Zeilen den Gegenstand ab, wie zum Beispiel bei einem Gedicht über ein Haus in Form eines Hauses.

Eine Seite aus Danielewskis “Das Haus

Da wären wir schon beim deutlichsten Beispiel dieses Ansatzes: “House of Leaves” von Danielewski. Als der Protagonist Will Navidson das Labyrinth des Hauses durchstreift, betritt er die ungewöhnlichsten Räume, die der Text in seiner Form immer wieder nachzeichnet. Wenn der Gang breiter wird, dann auch der Abstand zwischen den Wörtern; wenn er enger wird, wird es auch der Abstand zwischen den Wörtern. Steigt Navidson eine Treppe herauf, dann bilden die Textzeilen durch Einrückungen eine Treppe und so vieles mehr. Der Text selbst wird zum Raum und zum Bild, das er beschreibt.

Endlich Ende…

Die Typografie ist also eine große Kunst, die wenigen Mittel richtig zu nutzen. Trotzdem (oder gerade deswegen) bieten diese wenigen Mittel viele Möglichkeiten für außergewöhnlichen Einsatz, um den Text, ganz im Sinne der Maxime ‘Die Typografie soll dem Text dienen’, eine größere Wirkung zu vermitteln. Damit will ich auch endlich zum Ende kommen, denn der “kurze” Einblick ist fast schon zur Abhandlung geraten, die eigentlich schon fast alle Beispiele nennt, die ich so kenne. Falls euch noch mehr einfallen, würde ich mich freuen, wenn ihr mir die in Kommentare schreiben würdet. Und die bereits erwähnten Titel werden in Zukunft bestimmt noch mal ihren eigenen Artikel bekommen.



Themenbeiträge:
Einführung // Experimentelle Typografie // Typografie im Videospiel

Besprechungen:
Papier // Digitales

Thilo

Thilo

Freier Journalist und Blogger bei schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
Thilo

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Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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