Quergelesen V – Kirchhoff: Widerfahrnis

Es war ein Aufreger: Schon diese Form überhaupt und warum nominiert man eine Novelle für einen Preis, der doch den besten Roman auszeichnen will. Aber Bodo Kirchhoff überzeugt mit seinem Titel Widerfahrniss, gerade weil er so formvollendet erzählt.

Welche Geschichte wird erzählt?

Es geht um junge alte Liebe. Da ist Julius Reither, der einmal ganz klein Bücher verlegt hat, die es auch wert waren (es gab natürlich wesentlich weniger als angeboten). Eines Tages klingelt Leonie Palm an seine Tür – ebenfalls Rentnerin, ehemals Hutladenbesitzerin – die den Lesekreis der Wohnanlage leitet. Was als unverfängliches Gespräch unter Rauchern beginnt entwickelt sich, beinahe Hals über Kopf: erst zu romantischen Gefühlen, zu einem Ausflug an den See, zu einem spontanen Roadtrip nach Italien, zu dem Fahren eines Fluchthilfewagens. Doch in erster Linie erzählt Kirchhoff, wie schon viele Mal zu vor, von der Liebe, von der Liebe im Alter, von einer unerwarteten Liebe.

Welchen Sound hat das Buch?

Ruhig, bedächtig und durchdacht erzählt Kirchhoff diese Liebesnovelle. Er lässt die Geschichte in einzelnen Szenen entstehen, die sehr genau beschrieben sind, denen man anmerkt, dass jedes Wort wohl gesetzt ist. Auf einer weiteren erzählerischen Ebene reflektiert Kirchhoff das auch. Sein Erzähler schaut zwar von außen auf das Geschehen. Es ist keiner der beiden Liebenden, die diese Geschichte erzählen. Doch während Leonie Palm etwas schwer zu fassen ist, gibt es klare Einblicke Reithers (er möchte nicht anders genannt werden) Gedanken. Hier durchdenkt er die Situation, jedes Wort und klopft es, ganz der Verleger, auf seinen literarischen Wert ab. So schafft es Kirchhoff die Geschichte gefühlvoll zu erzählen, gleichzeitig aber auch über die Erzählbarkeit der Liebe nachdenkt.

Was sagt das Buch sonst noch?

Es ist eine Geschichte über Zutrauen. Es geht darum neues zu wagen – auch im Alter. Die Figuren scheinen sich aus der Welt zurückgezogen zu haben, auch mit dem Gefühl, dass sie nicht mehr Teil eines neuen Lebens sind. Doch gleichzeitig fällt es schwer das Alter zu bestimmen: immer wieder beschreibt Kirchhoff falten, doch dieses Paar hat Kraft. Kraft Zutrauen zu einander zu gewinnen, sich zu zutrauen auf eine Abenteuerreise zu geben, etwas neue zu erleben. Aber die Geschichte bleibt nicht im Privaten: denn auf einmal bricht die Flüchtlingsthematik in die Geschichte ein, wenn die beiden Neuankömmlingen begegnen. Denen sie helfen wollen, deren sie sich annehmen wollen. So lässt sich der Roman auch als Metapher lesen, dass die alte EU auch wieder Mut und Zutrauen fassen sollte.

Warum sollte man es lesen (oder auch nicht)?

Weil er so konzentriert erzählt ist. Jedes Wort sitzt, sodass sehr kraftvolle und bedeutsame Szenen entstehen, aus denen heraus die Geschichte entsteht. Weil Kirchhoff es schafft, gefühlvoll aber nicht kitschig von der Liebe zu erzählen. Das gelingt ihm auch, weil nichts zu viel ist in dieser Novelle, die nur erzählt, was erzählt werden muss. Der Ton ist sehr bedächtig, was diesen Leser sehr gehindert hat, weil die Geschwindigkeit der Gedanken und vielleicht auch des Pulses etwas schneller war als der Erzählton des Buches. Doch diese Zeit muss man sich nehmen um den Wert des Buches wahrzunehmen, der eben auch in seiner Bedächtigkeit liegt.

Bodo Kirchhoff: Widerfahnis, Franfurter Verlagsanstalt, 224 Seiten, 21€

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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