Wie die Galapagos-Inseln

Der Indiebookday soll Leser dazu ermuntern auch zu den Titel der kleinen, unabhängigen Verlage zu greifen. Da gibt es auch einiges zu entdecken: faszinierende Gründergeschichten, spannende Ziele, großartige Bücher. Sie bereichern unsere Buchläden und zeigen den Großen gerne mal wie es geht. Einige Erfolgsgeschichten.

Die Leipziger Buchmesse ist für mich jedes Jahr ein Highlight und auf der Messe selbst gehe ich am liebsten in Halle 5 – die Halle für die unabhängigen Verlage. In anderen Halle haben sich die großen und finanzstarken Verlage, die man schon gut kennt, auf riesigen Flächen breitgemacht und präsentieren die Bücher, die schon seit einem Monat in den Läden liegen. Doch in Halle 5 da entdecke ich noch etwas. Ungewöhnliches, nie gesehenes, komplett Neues.

Der Siegeszug der Unabhängigen

Seit mehreren Jahren kämpfen sich die Unabhängigen aus ihren Nischen heraus und das geht auch nicht unbemerkt am Büchermarkt vorüber. Zum Beispiel war es vor Jahren noch so, dass junge Autoren sich erstmal bei kleinen Verlagen umsehen mussten, bevor sie – nach der Feuerprobe – von den Großen mit etwas mehr Geld verlegt wurden. Jetzt, bestimmt auch wegen dem Wunsch nach Entdeckungen und frischem Blut, überraschen auch die großen Verlage immer wieder mit Debütromanen. Das nimmt den Kleinen zwar ein wichtiges Feld, aber dafür schmerzt es vielleicht umso weniger, wenn mal wieder ein guter Autor weggekauft wird.

Aber warum spreche ich eigentlich immer noch von „Kleinen“? So klein sind diese Verlage gar nicht mehr: Sie haben zwar immer noch kein reiches Haus hinter sich, aber die Programme und Publikationen können sich sehen lassen. Die Ausgaben sind großartig lektoriert, so dass manche Autoren lieber etwas auf das Geld verzichten und zu einem unabhängigen Verlag gehen, der ihnen mehr Freiraum lässt. Denn neben der Bibliophilie der Verlagshäuser ist es vor allem der Wagemut, der auch bei Preisverleihungen immer mehr Anklang findet. Das hat mir zumindest Claudia Kramatschek, Jurorin des Deutschen Buchpreises 2015, erzählt. Immerhin kamen in den vergangen zwei Jahren die sogenannten „Besten Romane des Jahres“ aus unabhängigen Verlagen, nämlich Frank Witzels „Die Erfindung…“ von Matthes und Seitz und Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ von der Frankfurter Verlagsanstalt.

Streifzüge und Entdeckungen

Auch ich liebe die kleinen Verlage vor allem für ihre Überraschungen, ihre Experimente. Wie sollte ich sonst an diese Bücher und Romane kommen:

  1. in nicht korrektem Deutsch
  2. ohne eine einziges „E“
  3. ohne einen Punkt
  4. ohne jegliches Satzzeichen
  5. bei dem ein Teil auf dem Kopf geschrieben steht
  6. das zuerst bei Twitter veröffentlicht wurde
  7. bei dem man die dazugehörigen Bildseiten aufschneiden muss
  8. die zwischen allen literarischen Gattungen springen

um nur einmal eine kurze Auswahl zu geben. Hier vielleicht noch einige Verlage, die ich besonders spannend finde oder mir besonders am Herzen liegen, teilweise auch weil ich stolz darauf bin, in der Buchstadt Leipzig zu leben:

poetenladen: Wie der Name schon Nahe legt, geht es hier um Poeten, genauer gesagt, um Dichter. Der Leipziger Verlag macht alles was mit Gedichten und Literatur zu tun hat. Zuerst gab es die Website, auf der auch immer wieder einzelne Gedichte veröffentlicht wurden. Inzwischen geht die hauseigene Zeitschrift POET in die 22. Ausgabe geht. Dazu kommen mehrere Bände mit Lyrikanmerkungen, Gedichten, Erzählungen und einigen Romane. Doch für mich ist das Herzstück die Reihe „Neue Lyrik“, die schon zahlreiche Preise erhalten hat und vor allem immer so schöne Umschläge hat, dass ich sie mir an meine Wand hänge. Eigentlich habe ich hier zu zeitgenössischen Lyrik gefunden und zu einem meiner Lieblingsdichter. Nach einem Interview hatte ich ihn gebeten meine Ausgabe zu signieren, also schrieb er mir eine Widmung auf das Titelblatt. Er schaut kurz drauf und lachte: „Als würde man einen Brief an sich selbst schreiben.“ Sein Name ist Thilo Krause.

kookbooks: Noch mehr Lyrik, die viel wagt. Die Bücher dieses Verlages zeichnen sich durch eine schöne Gestaltung aus und darin geht es um die Sprache, auch mal mit Bildern. Da gibt es Gedichte über Fremdsprachen, ein Langgedicht über Jerusalem mit seltsamen Bildern, Multimedia-Gedichtbände und nicht zuletzt den nominierten Gedichtband der Leipziger Buchmesse 2017 mit dem naturwissenschaftlichen Titel „118“. Der schwimmt so ein bisschen zwischen Prosa und Lyrik, die Dinge groß und klein machen, sodass man die Worte ganz anders ansieht.

Guggolz: Einen Messesonntag schlenderte ich noch so über die Messe, durch die Halle 5, um zu sehen, was da noch so alles rumliegt, bevor die Verleger alles wegpacken. Da komme ich an einem Verlag vorbei, der etwas bei mir wachrief. Ich sprach den Mann an, der gerade dabei war zusammen zu packen: „Sind Sie nicht der…?“ „Der bin ich.“ unterbrach er mich, ohne zu genau zu wissen was ich meinte. Ich setze nach: „Sie waren doch extra in einer Quizsendung, um ihren Verlag zu finanzieren?“ Er bejaht und sagt, dass das eigentlich keine große Sache war, er wusste, was ihn erwartete und er konnte den Druck gut runterspielen. Eine lustige Geschichte, doch das allein macht seinen Verlag nicht besonders. Dazu kommt auch sein besonderes Profil, denn Guggolz verlegt Bücher, die nicht brandneu sind, sondern alte Bücher, vornehmlich aus Ost- und Nordeuropa, die sträflicherweise unbekannt sind. In gewisser Weise ist dieser Verlag ein Symbol dafür, dass Literatur vielleicht Moden und Trends kennt, aber immer darüber hinausgeht.

Liesmich: Noch ein Leipziger Gewächs, das ganz faszinierend ist. Nicht weil es ganz viele tolle Titel hat – bisher sind es nur zwei, das dritte befindet sich im Entstehen. Aber die Idee des Verlages ist doch ganz bemerkenswert. Denn hier sitzt nicht ein Verleger, der ja oder nein sagt und alles nochmal von seinem Lektor überarbeiten lässt. Hier sitzt eine Gruppe literaturbegeisterte Menschen, die gemeinsam Entscheidungen treffen.

Open House: Ein letzter aus Leipzig: Ich habe fast alle Bücher Open House Verlages gelesen, der auch wieder so eine Entdeckung auf der Leipziger Buchmesse war. Und jedes Mal, wenn ich den Verleger treffe, reden wir über die Höhen und Tiefen des Verlagswesens und den Büchermarkt an sich. Vor allem die ersten zwei Bücher faszinieren mich, weil sie einfach gewagt waren und ich würde mir immer noch wünschen, dass einSatz irgendwann einmal als Ringbuch erscheinen wird. Denn der eigentliche Sinn ist es auf einer beliebigen Seite anzufangen und dann einfach weiter zu lesen. Inzwischen geht der Verlag zwar relativ ‚normale‘ Wege mit den sprachlich schönen Beobachtungen von Babet Mader und der starken Auseinandersetzung mit den Müttern von Paula Bomer. Aber enttäuscht hat es mich dennoch nicht.

Und hier noch ein paar kurze Sätze zu anderen Verlagen:

Bei Hablizel blättere ich durch die Titel und denke jedes Mal: Irgendetwas stimmt mit der Welt nicht und der Gedanke reizt mich.

Der Verbrecher Verlag ist politsch klar positioniert. Das finde ich gut. Und dann bringt er auch gute Bücher raus. Noch besser.

binooki wird 2017 von der Kurt-Wolff-Stiftung ausgezeichnet, weil sie sich um die türkische Literatur verdient gemacht haben. Da gibt es auch gute Titel zu finden.

Auch beim Secession-Verlag schaue ich gerne, weil ich da immer wieder Bücher finde, die aus der Form fallen, die mich als Leser fordern und mich dafür belohnen.

Ansonsten finde ich bei Matthes und Seitz (auch mal schön illustriert oder gewagt), Wallstein (gut erzählte Literatur (und Sachbücher) und Schöffling (neben Romanen auch viel Lyrik) immer etwas.

All das ist nur ein kleiner Ausschnitt. Ich habe viele ausgelassen, bestimmt einige vergessen und viele kenne ich noch gar nicht. Also die Entdeckungsreise im blühenden Büchergarten ist noch lange nicht zu Ende.

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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