Noch ein letztes Mal #tddl

Die letzten Lesungen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (#tddl) für dieses Jahr sind über die Bühne gegangen, und wurden Jury-mäßig zerlegt. Dann wurde fünfmal abgestimmt, fünfmal geklatscht, gelobt und interviewt. Doch was waren das noch für Texte und haben die Sieger ihre Preise verdient?

ferdinand schmalz rennt zu seinem Bachmannpreis (Foto: ORF/Johannes Puch)

“Da geht es um Germans Angst”

Den Anfang des Tages machte am Samstag der bekannte Eckhart Nickel mit seinem Text “Hysteria”, der von einem Endverbraucher erzählt, der seltsamen Himbeeren und Brombeeren auf einem seltsamen Bauernhof nachforscht.

Beim Hören hat mich der Text nicht sehr gefesselt, er geht nur sehr langsam voran und erzählt zu viele Details (die ich nicht mal wirklich nachvollziehen kann: Seit wann platzen Brombeeren, wenn sie runterfallen?). Doch die Jury-Diskussion hat diesen Text wirklich angereichert, denn es geht hier um einen sehr aktuellen Zustand: Funktioniert die Welt überhaupt noch? Wenn man sich dem Text unter diesen Vorzeichen öffnet, dann hat er große Qualitäten, weil eben in seiner übergenauen Beschreibung eben diese Stimmung erzeugt werden und das auch sehr gekonnt und sauber.

Dementsprechend ist auch die Jury recht angetan, auch wenn es da noch einige ungeklärte Situationen gab und manchem dieser Text vielleicht auch in seinem Hyperrealismus zu viel einbaue. Im Großen und Ganzen waren sie sehr überzeugt, und haben damit auch mir diesen Text schmackhaft gemacht.

“Vermintes Gelände”

Gianna Molinari stellte mit “Loses Mappe” einen Text vor, der laut eigener Aussage bereits zu einem größeren Text gehört und von einem Wachmann erzählt, der den Fall eines Mannes untersucht, der tot vom Himmel gefallen ist.

Eigentlich wirkt der Text auf den ersten Blick äußerst spannend – sowohl vom Klang her, als auch von der Situation, die einiges an Spannung erzeugt. Für mich ist es natürlich besonders spannend, dass sie mit Bildern von Texten und Orten in ihrem Text arbeitet. Doch leider erzählt er zu viel und zieht sich dadurch etwas in die Länge, weil hier auch nicht einfach nur die Situation in Sprache verwandelt wird, sondern wirklich einfach jede Handlung beschreibt.

Auch der Jury wird es an vielen Stellen zu genau und vor allem die Bilder sorgen für Grundsatzdiskussionen: Wie wichtig ist die Recherche bei einem Text? Wie sehr kann mit der Realität gespielt werden? Doch wesentlich interessanter als solche (eigentlich schon lange geführten Diskussionen) ist die Ausdeutung des Textes: Denn die Jury erkennt Beziehungen zum Falling Man beim Terroranschlag 9/11 (vielleicht deswegen auch die Bilder) und der gesamten Flüchtlingsthematik, die hier vorsichtig angesprochen wird, mit allen Implikationen, besonders dem Umgang mit dem Problem.

“Komplett abgerüstete Sprache”

Nach der Pause hatte Maxi Obexer aus ihrem Text “Europas längster Sommer” gelesen, der Teil eines unveröffentlichten Buches ist. Dabei erzählt sie von Reisen, Einwandern und Auswandern.

Vor allem bei diesem Text habe ich mich gefragt, warum dieser Text eingeladen worden ist. Nicht, dass der Text schlecht wäre, sondern weil sich die Frage stellt, ob es sich dabei überhaupt um einen literarischer Text handelt. Er bedient sich eher der journalistischen Sprache – das macht Obexer zwar sehr gut, wie sie sprachliche Muster und rassistische Verhaltensmuster offen legt. Allerdings nimmt sie eine erhöhte Position ein, denn auch wenn sie eigene Einbürgerungserfahrungen beschreibt, vereinnahmt sie Fluchterfahrung. Es liegt bei diesem Text also einiges im Argen.

Grund für diesen Text war dann eben auch seine simple Sprache, die die Wirklichkeit eben nicht komplett überblendet, sondern in direkter Sprache wiedergibt. Wobei ich mich eben Frage, wieso das so hervorzuheben gilt, weil der Journalismus das ja eigentlich tagtäglich macht, und auch die Ego-Perspektive ist nicht so ungewöhnlich eingesetzt. Gelobt wurde auch die Verschränkung der verschiedenen Erfahrungen, die sich gegenseitig ergänzen und konterkarieren. Doch auch in großen Teilen der Jury stieß die Sprache sowie der Zugriff auf das Thema auf Abneigung: Es ist eben doch zu simpel gemacht.

“Putin würde diesen Text mögen”

Als Letzter in diesem Jahrgang las der selbst ernannte Schreibknecht Urs Mannhart, bei dem der Name schon Programm ist. Er erzählt in “Ein Bier in Banja” von Männern mit Pferden auf Wolfsjagd.

Ich gebe es zu, ich selbst war nicht mehr ganz aufmerksam, aber dieser Text hat mein Interesse auch kaum noch geweckt, dazu wirkte doch alles zu rückständig, zu sehr nach Cowboys in Europa, die eben Wölfe jagen.

Auch die Jury bestätigte diesen Eindruck, dass dieser Text zu sehr aus einer vergangenen Welt schöpfe. Ich würde hinzufügen, dass er sie fast schon romantisiere. Doch natürlich gab es auch positive Stimmen: Immerhin erschaffe der Text, der tatsächlich im Heute spiele, eine Beziehung zu einer anderen fernen Welt, vielleicht sogar eine Verbindung. Tatsächlich sei der Text sogar clever gebaut, weil er mit verschiedenen Fiktionsebenen arbeite, letztlich könne man darin sogar Aussagen über die Erzähltradition lesen, aus der eben die Literatur stammt. Ich muss zustimmen, dass Mannhart durchaus schreiben kann, aber letztlich muss man sich fragen, warum er dann gerade so etwas schreiben muss.

Ein Gesamtrückblick

Alles ist vorbei, alle Texte sind gelesen und jeder Autor wurde verrissen. Bei aller Kritik muss natürlich mal gesagt werden, dass da in beinahe allen Fällen sehr hohes literarisches Handwerk vorliegt. Es gab auch einige starke Texte, die durchaus belohnt wurden (siehe unten), wenngleich einige auch noch nicht ganz fertig gewesen zu schienen und besser gebaut hätten werden können.

Doch was vielleicht ein wenig gefehlt hat, war Tempo und Witz. Alle Text waren sehr verkopft und sehr langsam. Hier wurde nicht viel mit der Form gespielt, sondern Situationen erschaffen, die sehr genaue in mehr oder weniger spannende Sprache gegossen wurde. Doch Humor war kaum vorhanden, zumindest wurde er nicht hervorgehoben und eigentlich hatte auch keiner der Texte einen eigenen Drive, ein Text der nach vorne geht. Das soll nichts über die Texte im Einzelnen sagen, lustige und schnelle Texte sind nicht besser, aber sie hätten der Veranstaltung etwas mehr Abwechslung geboten.

Viel wichtiger aber ist die Frage, welche Themen die Autoren umwehen, die aktuell für diese Veranstaltung ihre Texte geschrieben haben. Auf alle Fälle scheint es da eine große Irritation zu geben, was den Zustand der Welt angeht, die allerdings nicht auf plumpe Weise mit dem politischen und gesellschaftlichen Rechtsruck zu tun hat, auch die Fluchtthematik scheint eher Symptom als Ursache zu sein, allerdings durchaus präsent, doch vielmehr geht es um die Gesellschaft als ganzes. Deswegen handeln die Texte von der verlorenen/untergegangenen Welt, dem Tod und der verlorenen Natur. Dabei geht es – wie sollte es anders sein – auch um die Kraft der Erzählung, sei es durch die sehr genaue bis hyperrealistische Aneignung bis hin zum verschränkten Erzählen in der Erzählung.

Vielleicht ein paar Schlagworte: Postapokalypse, Vögel, Tod, Dienstleistung, Natur, Geflüchtete und Metafiktion

Verdiente oder unverdiente Preise

Kommen wir zu großen Frage dieser Tage, wer den Preis bekommen und warum nicht jemand anderes.

Insgesamt wurden in diesem Jahr Fünf Preise vergeben. Erstmal ein Publikumspreis, der wie der der Name schon sagt, von den Zuschauern via Voting bestimmt wird. Außerdem gibt es noch den Bachmannpreis, den Kelag-Preis, den Deutschlandfunkpreis (der ist neu) und den 3sat-Preis. Dafür wählt die Jury die Hälfte der Autoren in eine Shortlist, und stimmt in mehrstufigen Verfahren offen über die Sieger ab. Hier die Sieger:

Aus irgendeinem Grund wurde Urs Mannhart in die Shortlist aufgenommen, allerdings mit keinem Wort mehr erwähnt.

Ähnlich ging es auch Barbi Markovic, zum Ärger ihrer Fans (die sich mokierten, dass die Online-Abstimmung für den Publikumspreis nicht funktioniert habe). Es war zwar ein starker vieldeutiger Text, doch vermutlich war er doch zu ungeschliffen für einen Preis.

Doch der Hauptpreis (Bachmannpreis) ging an meinen Favoriten (schon bevor er gelesen hatte) ferdinand schmalz. Natürlich verdient, weil er mit seiner Sprache, seinen Figuren und der Handlung, eine Geschichte erzählt, die Relevanz besitzt und hohen literarischen Wert.

Der Deutschlandfunkpreis ging dann an John Wray, der eben einen perfekten und wunderbaren Text geschrieben hat. Vielleicht aber zu perfekt für den ersten Preis.

Der Kelag-Preis ging an Eckhart Nickel, der eben einen gut komponierten Text mit einer wichtigen Unterschicht vorgelegt hat, auch wenn die Erzählung wohl eher was für eine bestimmt Gruppe von Lesern ist, die sich diesem ruhigen Stil hingeben wollen.

Der 3sat-Preis ging dann an Gianna Molinari, deren Text mich zwar nicht überzeugt hat, allerdings keine groben Fehler macht und ein wichtiges, aktuelles Thema behandelt.

Der Publikumspreis hat doch etwas überrascht und ging an Karin Peschka. Aber verdient wie ich finde: Denn selbst wenn es Fehler in der Erzählposition gibt, erzeugt er eben doch eine wunderbare Situation und Stimmung.

Mir bleibt zum Schluss nur die Hoffnung, dass ferdinand schmalz mal einen Roman rausbringt und dass ich nächstes Jahr wieder Zeit habe, um diesen Lesereigen zu begleiten.

Thilo

Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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