Immer noch derselbe Hashtag

Die Tage der deutschsprachigen Literatur, oder kurz #tddl, wie es auf Twitter heißt, sind in die zweite Runde gegangen. Und weil es mehr Fahrt aufnimmt, bin ich an den Fernseher gefesselt, sehe mir (mit den Augen) Lesungen und fröne der Realitätsflucht. Aber hat es sich gelohnt?

Die Juroren Meike Feßmann, Michael Wiederstein und Hildegard Keller (v.l.n.r.) diskutieren Foto: ORF/Puch Johannes

In aller Eile habe ich gleich morgens erledigt, was sonst immer am Freitagnachmittag ansteht: Die Wohnung zu putzen. Doch ich wollte nicht abgelenkt werden, während ich mich auf die Zweite Leserunde der TddL konzentriere. Die mir auch besser gefallen hat, vielleicht auch, weil ich von Arbeit nicht so geschafft war wie gestern und ich mich komplett konzentrieren konnte.

Aber ich muss zugeben, so leicht fällt es mir immer nicht, denn ich gestehe, dass es das erste Mal ist, dass ich den Wettbewerb um den Bachmannpreis live verfolge. Denn in aller Regel musste ich zu diesen Zeiten immer arbeiten und deswegen unterstreiche ich die Forderung die Ausrichtung des Wettbewerbs etwas mehr an die Tagespläne der normalen Bevölkerung auszurichten. Aber was ich damit sagen will: In aller Regel habe ich die Texte gelesen und mir abschließend die Jurydiskussion ansehe. Eigentlich mag ich Lesungen nämlich nicht, weil man sich bei Autoren nicht drauf verlassen kann (diese Runde war es allerdings sehr gut). Hinzu kommt auch noch der permanent laufende Twitterkanal zum #tddl. Worauf ich hinauswill: Ich fände es gut, wenn man den Text schon zehn Minuten vor der Lesung in den Händen halten könnte, ihn schon einmal kurz überfliegen darf, damit man sich einfach mehr darauf konzentrieren kann. Oder bin ich der Einzige, dem das helfen würde? Aber kommen wir zum eigentlichen Inhalt.

“Wo ist dieses sprechende Rehragout?”

Dass ferdinand schmalz ein Mensch des Theaters ist, der ganz wunderbare Theatertexte verfasst hat, ist auch diesem Text “mein lieblingstier heißt winter” anzumerken. In elliptischer und verschobener Sprache berichtet schmalz von einem Tiefkühllieferanten der einem Doktor begegnet, der über Selbstmord nachdenkt.

Ich habe nichts anderes erwartet, nachdem ich schon seine Theatertexte sehr mochte, dass mir auch dieser Text gefallen würde, aber auch schön wenn sich Erwartungen einlösen. Denn zuerst einmal schafft schmalz eine spannende Situation mit einer doch sehr interessanten Figurenkonstellation und -dynamik, in der er ohne weltbedrohliche oder pseudo-tiefgründige Betrachtungen über Existenzielles sprechen kann (Leben und Tod, was sonst?). Dabei streift schmalz auch zahlreiche Themen und Stimmungen, die man auch von seinen Theatertexten kennt: eben die Frage nach dem Leben, aber auch immer die Frage nach dem Essen (Butter, dosenfleisch, Herzen), die damit verbunden ist.

Es entsteht auch wieder eine Stimmung, bei der man sich fragt, ob die Umgebung die Handlung macht, oder die Handlung die Umgebung. Das liegt nicht zuletzt an seiner wunderbaren Sprache, die einen ganz eigenen Sound hat, doch die zahlreichen Verkürzungen und Verdichtungen. Dabei bleibt er auch seinem Sprachwitz etwas treu, den er allerdings und glücklicherweise dezenter einsetzt. Ein rundum gelungener Text.

Auch die Jury zeigte sich sehr überzeugt, gerade von der sprachlichen Leistung. Es hieß, der Text sei bestimmt von der Sprache und erschließe sich nur über die Sprache, und mit der Sprache sage sie sehr viel über die Welt. Dem brauche ich nichts hinzuzufügen. Gegenworte, die auch sprachliche Mängel hinweisen wollten wurden gleich wieder abgeschmettert. Ich schließe mich der Meinung an, dass hier der Inhalt komplett in Sprache gegossen wurde, auf handwerklich sehr gekonnte Weise.

“Hier sind mir zu viele Fenster offen”

“Ich will einen Literaturpreis, darum bin ich hier”, sagt die gebürtige Serbin Barbi Markovic in ihrem Porträtvideo. Da will sich mit “Die Mieter” schaffen, der kurz gesagt von einem seltsamen Wohnhaus und seinen Bewohnern erzählt, die Tod, Trauer und Überwachung ertragen müssen.

In diesem Text steckt viel, beinahe zuviel: Es könnte eine Milieu-Studie aka Sozialkritik sein, eine Parabel, vielleicht sogar eine metaphernstarke Schauergeschichte (eine verschlingende Wohnung). Eigentlich liegen gerade darin Stärken des Textes, da das da soviel drin steckt, auch so viel Wichtiges. Ich muss allerdings zugeben, mich hat der Text nicht gleich auf Anhieb gepackt, vielleicht weil der Vortrag nicht so stark war (ja, es hat meinem Verständnis geschadet, dass sie soviel husten musste, deswegen mein oben stehender Vorschlag) aber vielleicht auch, weil eben gerade so viel drin steckt. Aber es steckt auch viel Gutes drin, an Sprachbildern (“Er war die Immobilie”) bis zu Deutungsmöglichkeiten (“Er war die Immobilie”) und gegen Ende kommen auch starke Emotionen, die mich durchaus berührt hat.

DIe Jury war allerdings (zum Ärger der Community soweit ich sie verfolgen konnte) eher abgeneigt. Ihr waren es zu viele Themen, zu wenig Spannung und Figurenentwicklung und die Parabelhaftigkeit sei nicht gut ausgearbeitet. Es gab allerdings auch positive Stimmen, die den Ton lobten, der zwischen Humor und Tragik schwanke und eben durchaus ein starkes Bild böten mit diesem seltsamen Haus, das für die Fluchbewegung und andere Lebensumstände stehen könne. Ich hatte, gerade nach er Jury-Diskussion das Gefühl, diese Geschichte(n) bräuchte mehr Raum: Als Roman gibt es große Chancen auf einen Preis.

“Ich kenne das”

Als letzte vor der Pause liest Verena Dürr ihren Text “Memorabilia”, der in einem Zollfreilager spielt und von den Gegenständen, den Sammlerobjekten erzählt, die dort lagern.

Ich gestehe dem Text eine hohe Kunstfertigkeit zu: Verena Dürr schafft eine sehr unterkühlte, sachliche Stimmung, vor allem durch ständige zwischengeschobene Erklärungen, die auch in einem Sachbuch stehen könnte. Dazwischen versucht sie immer wieder mit Referenzen zu Arbeiten, auf Film- und Musikgeschichte. Es geht auch, nicht zum einzigen Male, um den überhöhten Bezug zur Dingwelt. Alles sehr sauber gemacht, auch in der Konzentration auf die Gegenstände. Aber irgendwie lässt es einen doch kalt, denn was sagt die Situation. Auch die noch so cleveren Konstruktionen sorgen nicht dafür, dass hier nichts erzählt wird, das wirklich von Bedeutung wäre, denn dazu ist die Erzählung zu glatt und beschränkt sich auf Beschreibung.

Die Jury ist trotzdem ganz begeistert, vielleicht weil sie sehr vertraut scheint mit diesen Luxusproblemen, denn nicht nur einmal wurde darauf hingewiesen, dass man schon einiges über diese Zollfreilager wisse. Nein, es ging natürlich über die artifiziell gut gemachte Art des Textes. Nach dieser Diskussion scheint Dürrs “Memorabilia” echt ein Favorit zu sein, nicht weil der Text so gut ist, sondern weil die Jury so einig schien und bei Preisen geht es manchmal auch um den kleinsten gemeinsamen Nenner.

“Mir fehlt die Dringlichkeit”

Nach der Pause tritt der Beweis auf, dass auch aus Halle/Saale etwas bemerkenswertes kommen kann (Als Wahlleipziger war dieser Seitenhieb nötig): Jackie Thomae liest ihren Text “Cleanster” über eine Putzkraft und seine Auftraggeberin.

Der Inhalt des Textes hat mich schon gefangen: Da soll ein Geflüchteter Mann, mit offensichtlich großen Ängsten bei einer Frau putzen, die das eigentlich gerne selbst macht, aber aufgrund ihrer beruflichen Situation der Meinung ist, dass sie dafür einen Dienstleister braucht. Diese Grundsituation sorgt schon für Spannung: DIe Putzkraft hat Angst vor dem klingelnden Postboten, versteckt sich, flieht. Die Frau ist irritiert über die schlechte Ausführung des Auftrages und der Gesamtsituation. Da steckt viel über Milieu und den Umgang mit alltäglichen Aufgaben und ihren Dienstleistern. Leider ist das alles nicht übermäßig spannend erzählt: Zum ersten werden die Situationen nicht wirklich zugespitzt. Zum zweiten ist die Sprache dieses Textes fast schon zu sauber, Thomae gibt zwar ihren Protagonisten einen eigenen Ton, aber der bleibt dennoch etwas banal.

Auch der Jury scheint es an Dringlichkeit zu mangeln, was eben auch an der Sprache liegen könnte, die hier mit keinem Wort erwähnt wird. Allerdings diskutieren sie ausführlich über die starken Situationen und Themen, die der Text anspricht. Aber irgendwie reicht es nicht für ein wohlwollendes Urteil, denn dazu ist der Text einfach zu verhalten.

“Sie ertragen keine Liebesgeschichten mehr”

Den Abschluss des heutigen Tages macht Jörg-Uwe Albig mit seinem Text “In der Steppe”, der davon erzählt, wie sich ein Gregor in einem Kapelle verliebt, die er Madeleine nennt.

Und wieder gibt es Postapokalypse und man bringt den Text permanent in Verbindung mit dem “Wiener Kindl” vom ersten Wettbewerbstag der TddL. Eigentlich erschafft der Text eine schöne Stimmung von Einsamkeit, aus der heraus diese seltsame Liebe zu einem Gebäude entsteht. Der Text ist vielleicht ein wenig schwulstig mit seinen Sprachbildern, doch irgendwie scheint mir der Ton angemessen, wenngleich mich die Geschichte vom Verlust der Freundin Judith und das Zusammenleben mit der Kappelle nicht unbedingt abholt.

Die Jury geht mit dem Text und sich selbst hart ins Gericht. Vielen ist der Text zu überbordend, zu viele Metaphern, Sprachbilder und Sprachspielereien überlagern den Text, ebenso wie zu viele Anspielungen, die den Text zu unkonkret machen. Gleichzeitig sei der Text auch mutig und plötzlich diskutiert die Jury über Objektophilie – jetzt, nach Texten über Zollzwischenlager und Luxusfluchten. Der Vorwurf wird in den Raum geworfen, dass die Jurymitglieder zu großen Teilen keine Liebesgeschichten mehr ertragen könne. Doch das überzeugt niemanden und der Jury bleibt der Text eben zu Schwulstig.

Es geht doch aufwärts

Nach dem schwachen Einstieg am ersten Wettbewerbstag ging es nun doch bergauf: Die Texte waren insgesamt kunstvoller und ich würde meinen auch relevanter als am Vortag. Erstaunlich, dass es weiterhin um Weltende, Tod und Vögel ging. Insofern war Thomaes Text eigentlich eine erfrischende Abwechslung. Das reicht aber nicht. Tatsächlich hat der Tag beinahe eine Abwärtsbewegung gemacht: Von dem starken schmalz-Text, gefolgt von einem anspielungsreichen von Markovic. Dürr arbeitet zwar stilsicher aber an belanglosen Themen, was aber besser ankommt als spannende Themen in banaler Sprache. Albig kommt mit seiner Erzählung offensichtlich bei keinem gut an. Dennoch bleiben alle Texte auf einem hohen Niveau, wobei sich allerdings die Jury nicht unbedingt von seiner besten Seite zeigt, die zwar Verständnis für Zollzwischenlager zeigt, aber nicht für zerfallende Mietshäuser mit prekären Zuständen, zudem sprechen sie immer wieder von kleinen Leuten, als ob Tiefkühllieferanten weniger wert seien.

Damit ist alles gesagt und werfe mich vor den Fernseher für die letzte Runde! Tune in on Twitter, unter dem Hashtag #tddl und mehr zum heutigen Tag folgt später – lege ich mich auch auf einen persönlichen Sieger fest und versuche mich an Vermutungen, was die Preise angeht.

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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