Frau Luna reloaded

Vielleicht war es wirklich die Mondsucht, die Jürg Halter zu seinem Buch „Mondkreisläufer“ bewegte. In seiner Prosaskulptur nimmt er den Leser auf eine wahnwitzige Reise zum Mond, in die Tiefen des Verstandes und jenseits der Grenzen von Textsorten.

Mond-Gedanken

Manchmal liege ich nachts wach und verweigere den Schlaf. Geht der Tag nicht erst zu Ende, wenn ich meine Augen schließe? Die Bäume vor meinem Fenster recken sich einem fahlen Licht entgegen. Ein Licht, das die Nacht fast heller als den Abend erscheinen lässt. Der Mond steht wieder einmal in voller Blüte. Ich steige aus dem Bett und blicke in den Himmel: Kreisrund und riesengroß steht er am Himmel. Er strahlt so hell, dass man an den Erkenntnissen der Astronomie zweifeln möchte und dem Mond eine eigene Leuchtkraft zusprechen möchte.

Der Mond: Es ist der einzige Himmelskörper, der allein uns gehört, uns Erdgeborenen – die Sonne scheint auch für die anderen Planeten und wird für entfernte Sonnensysteme zum Stern. Und auch umgekehrt genießt der Mond eine besondere Aufmerksamkeit unsererseits. Vielleicht ist es Neid auf die Sonne, doch der Mond schiebt sich immer wieder in unsere Gedanken: Die Sonne ist der Motor für den Kreislauf des Wassers, doch der Mond zieht die Meere zu sich. Ohne die Sonne gäbe es das Leben auf der Erde wohl kaum, trotzdem ist es der Mond, der die Menschen in seinen Bann zieht, sie fast schon zu sich ruft. Der Mann im Mond (warum soll es eigentlich ein Mann sein?) scheint unserem Schlaf mehr Aufmerksamkeit zu schenken als die Sonne unserem Tagwerk.

Der Mond, ein Mysterien beladener Sehnsuchtsort: In den 60er Jahren hat der Weg zum Mond die Erde womöglich vor dem atomaren Overkill gerettet – egal ob wir dort waren oder nicht. Wir träumen heute davon Hotels auf unserem universalen Begleiter zu bauen, ihn zu einem Zufluchtsort zu machen, während die Erde sich von der Menschheit erholt, so wie Eltern, nachdem ihre Kinder endlich auf eigenen Beinen stehen können. Doch noch wirkt der Mond so weit entfernt, dass wir nur ahnen können: Waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond? Ist der vielleicht aus Käse? Außerdem scheint der Mond immer etwas vor uns zu verstecken (vielleicht Käse?), dort wo wir nie hinsehen: La face cachée de la lune (weil das auf Französisch wirklich gut klingt) – die dunkle Seite des Mondes. Alles könnte sich dort verstecken: Mondmenschen, eine außerirdische Macht oder geflüchtete Nazis.

Auf die Reise

Auch Dich zieht der Mond in seinen Bann. Du machst Dich auf die Reise zum Muttermond. Genau Du, der Du dieses Buch liest: “Mondkreisläufer” von Jürg Halter. Der Schweizer Autor und Performer hat sein Theaterstück umgearbeitet und zu diesem kurzen Buch verdichtet und schickt Dich auf die Reise.

Du wachst auf und bist irritiert. Du weißt nicht genau, wo Du bist und wirst es auch die ganze Reise über nicht wissen. Du scheinst in einem Gefährt zu sitzen, umgeben von einigen anderen Menschen. Sie erzählen Dir, dass die Welt verschwunden ist und nur der Mond Zuflucht bietet. Noch viel mehr: Der Mond ist Deine wahre Mutter, zu der Du nun heimkehren kannst.

Doch vielleicht fragst Du Dich, was es mit dieser Reise auf sich hat. Passiert das wirklich? Träumst Du das nur, weil Du vor dem Schlafen zu lange zum Mond geschaut hast. Oder ist es eine Wahnvorstellung und Du sitzt nicht in einem weißen Raumschiff, sondern in einer Gummizelle einer Nervenheilanstalt. Du wirst es nie mit Sicherheit wissen, es bleibt Dir nur alles anzuzweifeln.

Skulptur aus Wörtern

Ebenso unklar bleibt auch dieses Buch an vielen Stellen. Halter hat diesen Text sehr bewusst nicht Roman genannt, denn eigentlich erzählt er keine große Geschichte. Es ist vielmehr eine Situationsbeschreibung mit wuchernden Gedanken. Halter bezeichnet sein Buch als Prosaskulptur, und eigentlich beschreibt auch das den Text nur unzureichend: Halter selbst zieht keine klare Trennlinie zwischen den verschiedenen Textgattungen und so verschwimmen diese Grenzen auch in diesem Text.

An einigen Stellen werden die Sprecher des Theaterstückes erkennbar, auch wenn sie an anderen Stellen zu einer unkenntlichen Stimme verschwimmen. An anderen Stellen ordnet sich der Fließtext in eine Versform. Dabei ändert sich der Ton jedoch nicht, der über das gesamte Buch einen lyrischen Ton besitzt. An wenigen Stellen nimmt der Text sogar die Form eines Mondes an oder löst sich in den Weiten des Alls auf.

Dabei wird der Leser mal direkt angesprochen, mal hört er ein Ich von sich sprechen. So verschwimmen auch hier die Grenzen und die Irritation wächst: Der Leser weiß unter Umständen nicht zu unterscheiden, ob er der Sprechende oder der Angesprochene ist. Die Grenzen zum Buch können verschwimmen.

Zweifel an allem

Die Themen, die Halter anspricht, sind vielfältig: Es geht um Sprache, Beziehungen, das Verhältnis zur Welt. Verbunden werden diese Inhalte durch den Zweifel, die bereits an der geschilderten Situation bestehen. Die Stimmen fragen, woher Worte ihre Bedeutung erlangen. Im Gespräch erzählt Halter davon wieviel Macht Worte und Gemeinschaft haben können und so streut der Text immer wieder Zweifel daran, ob Wörter von sich auch bedeutend sind oder Gemeinschaften wirklich immer funktionieren

Doch es liegt auch eine gewisse Sehnsucht in der Erzählung. Dieses Ich will seinen wahren Namen finden und sucht die Antworten dort, wo er es die Mutter vermutet. Es ist der Wunsch nach Geborgenheit und Ursprünglichkeit, der allerdings aufgrund der Fragilität der Situation gebrochen wird.

Die Entführung

Das Buch „Mondkreisläufer“ will den Leser aus seiner angestammten Welt entführen, zumindest erzählt das Buch von einer Entführung. Dabei hat das Buch wirklich Züge von einer Entführung und macht es dem Leser nicht gerade bequem. Als ob er einen Sack über dem Kopf hätte, kann er nur vermuten wo er gerade ist, die Geschichte in ihrer Gesamtheit bleibt ihm unbekannt. Halter erzählt nichts, er lässt uns an den Gedanken der Erzählenden teilhaben, die nicht immer durchschaubar kreisen.

Dieses “Mondkreisläufer” biedert sich nicht an, erschließt sich vielleicht nicht einmal auf den ersten Blick – vor allem nicht, wenn man doch irgendwie eine Geschichte, eine Story erwartet. Es wird fast zu viel angesprochen, erläutert und philosophiert. Ich musste das Buch zweimal lesen, um die Seltsamkeiten zu durchschauen und die angetippten nicht immer leichten Gedanken zu verstehen. Doch beim zweiten Lesen hat es mich begeistert. Glücklicherweise ist das “Mondkreisläufer” kurz und schafft einen guten Lesefluss, sodass eine wiederholte Lektüre keine große Überwindung kostet.

Jürg Halter: Mondkreisläufer, Der gesunde Menschenversand, 80 Seiten

Thilo

Thilo

Freier Journalist und Blogger bei schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
Thilo

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    Thilo

    Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

    2 Kommentare:

    1. Moin,

      ich bin über das #litnetzwerk auf deinen schönen Blog gestoßen und ich muss sagen, es gefällt mir richtig gut hier!

      ein toller Text!

      Ich wünsche Dir noch einen guten Wochenstart!

      Herzliche Grüße von meinem Lieblingsleseplatz,
      Verena

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