Mehr Tiefe, bitte!

Flatland war die Aufforderung, für alles offen zu sein. Sowohl die Regeln zu hinterfragen, als auch außerhalb der üblichen Bahnen zu denken. Diese Aufforderung gilt auch heute noch. „Unflattening“ von Nick Sousanis ist die Aufforderung dem eigenen Leben mehr Höhen und Tiefen zu geben.

Es geht so einfach, das Leben den Schablonen anzupassen: Jeden Tag denselben Weg, Teil der immer funktionierenden Gesellschaft. Der Mensch als Rädchen im Getriebe: Zur Arbeit gehen, seine Handgriffe erledigen, und wieder auf dem Strom der Straßen nach Hause treiben. So zeigen es melancholische Großstadtfilme seit Metropolis und so beginnt der Graphic Essay von Nick Sousanis, dessen Titel eben auch gleich Aufforderung ist: Unflattening

Die Entflachung der Welt

Was das bedeuten soll ist relativ schnell erklärt. Denn eigentlich geht es um Ausbruch. Nick Sousanis verweist immer wieder auf die täglichen Routinen, die wir pflegen. Dabei geht es ihm nicht nur um das Da Capo der Arbeitstage, die aufgrund ihrer Gleichheit ständig ineinander verschwimmen. Vielmehr wichtiger ist Sousanis unsere Sichtweise auf die Welt, die weit mehr zu bieten hat, als was wir zu wissen meinen. Ebenso wie A. Square seine Mitmenschen davon zu überzeugen versucht, dass es mehr als zwei Dimensionen gibt, will uns auch Sousanis davon überzeugen, dass es auch andere Wege in der Welt gibt. Er fordert uns auf, unserem zweidimensionalen Denken zu entkommen, dass wir unsere Welt entflachen sollen.

Soweit nicht unbedingt ein neuer Gedanke – immerhin zitiert er damit auch Abbotts mathematische Fantasie. Aber auch in Zeiten des dreidimensionalen Films, kann dieser Anstoß nicht schaden. Denn Sousanis weist nicht zu Unrecht auf unsere Routinen hin, wie zum Beispiel immer den gleichen Weg für das gleiche Ziel zu nehmen, obwohl uns Umwege wirklich überraschen könnten.

Mit Bildern denken

Doch damit nicht genug, hinterfragt der Autor in „Unflattening“ unsere Form des Denken selbst. Denn das läuft auch schon in Bahnen, die uns durch die Vormacht der Sprache vorgegeben sind. Nicht nur durch unsere Muttersprache, deren Worte nicht nur unser Verständnis von den Dingen prägen. Sondern die Vormacht der Sprache selbst, die die Dinge abstrahiert und systematisiert. Deswegen plädiert Sousanis für eine neue Sichtweise im wörtlichen Sinn und schreibt nicht einfach einen Essay, sondern einen Essay in Comicform, in dem er die Kraft von Bildern selbst thematisiert und den Comic in all seinen Möglichkeiten zeigt.

Erstaunlicherweise finden sich trotzdem ziemlich viele Wörter in dem Graphic Essay „Unflattening“, die von den Bildern doch eher begleitet oder untermalt werden. Aber dennoch beweist Sousanis, dass er ein Meister seines Faches ist, der die Sprache des Comics beherrscht. Er zitiert Filme und bildende Kunst und dekonstruiert damit auch bekannte Bilderwelten. Aber vor allem bebildert er die Gedanken seines Textes äußerst geschickt und vielfältig, mal mit scharfen Schraffuren, mal weich gemalt, oft mit sicherem Strich.

Da ist die große graue Masse, die ihrer Arbeit nachgeht. Wie sehen, wie A. Square versucht andere Flatlander zu überzeugen, dass ein Quadrat auch Teil eines Quaders ist. Wir wohnen dem Alltagstrott eines jungen Menschens bei, dass sich in kleinen, sich immer wiederholenden Panels zeigt, bis er schließlich beschließt, seine Fäden zu durchtrennen. Sousanis weiß genau, wie er die Grammatik nutzen muss, wenn er Panels einsetzt, entweder um die Details einer Szene zu zeigen, den Moment einzufangen oder um die Kleinteiligkeit zu untermalen. Er unterteilt die Seiten, um die Bewegungen von Körper und Gedanken zu zeigen. Oder er entwirft Tableus mit Simultansszenen, die ein weites Gedankenfeld aufmachen. Doch besonders eindrucksvoll sind seine Seiten füllenden Panels. Er zeigt eine Welt, in der alle einsam durch ein Labyrinth irren, bis einer sich Flügel wachsen lässt und sich erhebt. Zahlreiche Fuß (für der er echte Abdrücke genutzt hat) haben alle auf einen Punkt geführt und sollen jetzt eine eigen, vollkommen neue Richtung finden.

So schafft Sousanis doch das, was er sich vorgenommen hat: Die Bilder erzählen vielleicht keine eigene Geschichte, vielleicht würden die Worte auch reichen, um seine Gedanken auszudrücken, doch die Bilder verändern die Wahrnehmung. So verleiht er seinem Gedanken des Unflattening durchaus Nachdruck.

Nick Sousanis: Unflattening. Harvard University Press, 208 Seiten, 20,50€

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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