Niederlande: “Ich könnte lügen”

Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse ist die Niederlande. Bereits in Leipzig habe ich zwei niederländische Autoren zum Gespräch getroffen: Es ist eine traumwandlerischen und dennoch autobiographische Geschichte, die Olivier Schrauwen in seiner Graphic Novel „Arsène Schrauwen“ erzählt. Doch mit nur zwei Farben und äußerst simplen Strichen schafft er es, ein seltsames Gefühl zu vermitteln und die Seele zu bebildern. Wie er dabei vorgegangen ist und was er sich dabei gedacht hat, haben ich ihn gefragt.

Es wirkt etwas unvorbereitet, wie Schrauwen mit seinem Fahrrad zum Hafen fährt und ein Schiff in Richtung der afrikanischen Kolonien besteigt, unwissend, was ihn dort erwartet. Auch der Leser bleibt unwissend, ob das ganze mehr ist als nur ein Tagtraum. Denn in Afrika passiert ziemlich viel merkwürdiges: eine Paranoia, eine obsessive Liebe, eine utopische Stadt und einer seltsamen Künstlerkarriere. Letztlich erzählt Olivier Schrauwen eine große Irrfahrt durch Afrika, durch Wünsche und Träume.

Der Graphic Novel „Arsene Schrauwen“ handelt von Ihrem Großvater und hat viel von einem Traum. Also gibt es diesen Großvater?

Einer meiner Großväter hieß tatsächlich Arsene, aber es war in Wirklichkeit der Großvater meiner Mutter.

Als ich durch die Seiten Ihrer Graphic Novel geblättert habe, konnte ich nur zwei Farben erkennen. Ich habe gelesen, dass Sie nur in zwei Farben drucken konnten. Wie hat das ihr Werk beeinflusst.

Einer der Gründe, warum es nur zwei Farben hat, ist das ich es von zu Hause veröffentlicht habe und mein Drucker kann nur zwei Farben auf einmal drucken. Da war ich ein wenig eingeschränkt. Aber dann habe ich begonnen darüber nachzudenken und ich mochte die Idee, weil ich mich erinnert an Bücher aus meiner Kindheit erinnert habe, alte flämische Comics, die auch nur in zwei Farben gedruckt waren. Da waren acht Farben von Blau und acht Farben von Rot. Irgendwie mochte ich diese Idee und diese Art von Kontrast auch. Also habe ich etwas Ähnliches wie in diesen alten flämischen Comics gemacht: Wenn sich die Farben in meinem Buch ändern, hat das einen Grund.

Manchmal innerhalb eines Panels, manchmal zwischen den Panels. Die sind normalerweise ganz geordnet, gehen von oben nach unten. Aber dann verschieben sie sich und verlassen die Anordnung und bilden zusammen ein großes Panel. Wie arbeiten Sie an diesen Seiten?

Meine Idee war es, die meisten Seiten sehr einfach zu halten: sechs Panels, alle in der gleichen Größe, so dass man sie gar nicht wahrnimmt, sondern einfach durch sie hindurch liest. Aber dann und wann gibt es einen besonderen Moment in der Geschichte und um das zur Geltung zu bringen, habe ich plötzlich die Form verändert, sodass die Leser so etwas wie eine Pause haben, sich fragen, was da gerade passiert und bemerken, dass da etwas Besonderes vor sich geht.

Zwei Seiten stoppen den Leser in einer sehr direkten Weise: Sie fordern den Leser auf eine Woche zu warten, zwei Wochen zu warten. Warum unterbrechen Sie den Leser bei seinem Lesen?

Wie ich erzählt habe, habe ich das Buch selbst herausgegeben. Das waren dann dünne Bücher mit sechzig oder siebzig Seiten. Da war dann eine lange Zeit zwischen den einzelnen Bänden und ich dachte, es wäre eine gute Idee, die Leser zu fragen, sich ein bisschen Zeit zu nehmen, damit er die einzelnen Kapitel etwas als einzelne Bücher wahrzunehmen. Also habe ich höflich gefragt, ob sie aufhören wollen zu lesen – für eine ganze Weile.

Eigentlich finden sich in Comics viele Sprechblasen, die zeigen, was die Figuren sagen. Nicht bei diesem Graphic Novel. Hier gibt es Textfelder zu den einzelnen Panels. Es ist mehr so, als ob nur Sie die Geschichte Ihres Großvaters erzählen. Das ist nicht so häufig. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden, die Geschichte zu erzählen?

Weil ich zuerst, statt zu zeichnen, angefangen habe einen langen Text zu schreiben, in ein Tagebuch habe ich einen langen, fantastischen Text geschrieben. Dann habe ich plötzlich entschieden damit einen Comic zu machen und ich habe den Comic auf diese Weise entwickelt. So habe ihn in einer anderen Reihenfolge entwickelt, als ich es sonst tun würde.

Die Geschichte dieses Graphic Novels spielt in Afrika. Ich weiß nichts über ihren Großvater – oder Groß-Großvaters. Also woher kam die Idee für Afrika?

Mein richtiger Großvater verbrachte tatsächlich ein paar Jahre in Afrika, in Kongo. Aber er hat uns niemals etwas davon erzählt. Nichtmal meine Großmutter wusste, was er da getan hatte. Ich habe die ganze Zeit versucht, mir das vorzustellen, weil er selbst nichts erzählt hat. Es war eine schöne Sache darüber zu fantasieren.

Das ist eine interessante Sache, weil die ganze Zeit über wusste ich nicht, ob das ein Traum war oder nicht. Gerade am Ende, wenn er nach Jahren sein Fahrrad holt und es aussieht, wie am ersten Tag. Also wie sind Traum und Realität miteinander verbunden?

Ich sehe es nicht wirklich als einen Traum. Am Beginn der Geschichte steht man meinem Gesicht gegenüber und ich sage dem Leser, ich erzähle eine Geschichte über meinen Großvater. Also sollte man einfach der Geschichte folgen, aber immer im Kopf behalten, dass der Typ, der sie erzählt, die ganze Zeit lügen könnte und er fantasiert und übertreibt Sachen, die so gar nicht sein können. Aber hier und da sind Sachen, die wahr sein könnten, aber er wird es niemals wissen. Ich will den Leser nicht anlügen, aber es ist gut, wenn er sich fragt, was wahr ist und was nicht.

Auf dem Cover dieser Graphic Novel steht etwas von Architektur. Sie wollen in ihrer Geschichte auch Kunst und Architektur zeigen. Wie haben sie das gemacht?

Viele der Sachen in dem Buch sind irgendwie autobiographisch: Francis, ein Charakter in dem Buch, ist Architekt und mein Vater ist auch Architekt. So hat sich das sehr vertraut angefühlt und ich hatte da einige Ideen. Ich starte immer von etwas Autobiographischem und versetze es an einen anderen Ort und mache eine andere Geschichte daraus.

Es ist sehr interessant, dass dieser Graphic Novel autobiographisch ist, weil es so viele autobiographische Graphic Novels gibt. Es ist für die Autoren die Möglichkeit vom Leben zu erzählen. Denken Sie, dass die Autobiographie die Möglichkeit für den Comic war, erwachsen zu werden?

Es gibt eine lange Tradition von autobiographischen Comics. Ich habe diese Art Bücher immer sehr gemocht. Ich wollte allerdings ein Buch machen, das nicht komplett autobiographisch ist, dass immer noch die Freiheit der Fantasie hat, in der Sachen passieren, die nicht vorhergesehen sind in einer autobiographischen Geschichte. Ich wollte meine Freiheit behalten.

Das zeigt sich auch in der Bilderwelt: Zu Beginn beschreiben Sie das Gesicht ihres Großvaters und ihr eigenes Gesicht. Aber es gibt zahlreiche Figuren in der Geschichte haben gar kein Gesicht. Was sind das für Menschen?

Ich habe das vorher nie getan, Gesichter leer zu lassen. Das kam, weil ich zuerst den Text geschrieben habe. Als ich die Bilder zu dem Text entwickelt habe, bemerkte ich, dass man in einem Comics Details auslassen kann und den Leser bestimmte Sachen nicht wissen zu lassen. In Comics sieht man normalerweise alles jederzeit, man sieht jedes Gesicht und ich fand es eine spannende Idee, damit zu spielen – wie in einem Roman mit der Freiheit Sachen auszulassen, sie noch nicht zu zeigen. Manchmal ist das Gesicht nicht von Anfang an klar, erst später in der Geschichte wird deutlich, wer das ist.

Die Geschichte handelt davon, eine neue Stadt aufzubauen: Freedom Town. Ich denke, das ist eine Stadt, in der alles möglich ist. Auch Sie reden viel von Freiheit. Ist so eine Stadt ein Traum von Ihnen?

Ich habe schon immer über so etwas fantasiert… Es ist etwas, was sie Kinder ausdenken, vermute ich, meine ersten Zeichnungen als Kind waren fantastische Städte, die Vorstellung einer Welt nach dem eigenen Design, komplett frei. Es ist eine Art Traum, aber im Buch wird das leider nie Realität und ich wollte es etwas traurig machen. Aber Freedom Town ist auch ein wenig Horror, weil es die Fantasie eines einzelnen Mannes ist, eines Größenwahnsinnigen, und ich denke, es ist gut, dass es niemals Realität geworden ist.

Olivier Schrauwen: “Arsène Schrauwen”, Reprodukt, 260 Seiten, 39€

Thilo

Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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