Ein Buch aus Blut und Haut

Der Körper ist ein seltsames Relikt geworden in Zeiten von Digitalisierung und Optimierung. Umso stellt sich die Frage, was das eigentlich ist, woher er kommt und wer eigentlich zuerst da war: Wir oder unsere Körper. Auch Steve Tomasula denkt in seinem Buch darüber nach, doch Worte waren nicht genug. Deswegen entwickelte er mit Stephen Farrell den imagetext novel „VAS: an opera in Flatland.

Ehrlich gesagt, versuche ich noch immer, dieses Buch zu verarbeiten, das mit wenigen, komplexen Sätzen ganze Gedankenkaskaden freisetzt zu einem Thema, das größer nicht sein könnte: Das Leben – also im biologischen Sinne, das es aber wiederum als Metapher nutzt. Sehr schwer das in den Griff zu bekommen, deswegen beginne ich mit etwas sehr verpöntem und zitiere den Klappentext, der das zwar etwas lobend, aber konkret zusammenfasst: „Printed in the colors of flesh and blood, this stunning imagetext novel is ultimately the story of findig one’s identity within the double helix of language and lineage.“

VAS behauptet also ein Roman zu sein, in dem sich Bild und Text verbinden und der den Körper zwischen das Papier presst. Ein gewagtes Vorhaben, aber es ist tatsächlich noch ein bisschen mehr. Denn das Buch verbindet auch sehr geschickt Fiktion und Sachbuch, aber dazu gleich, bleiben wir bei der Geschichte:

Zu Besuch im Flächenland des 21. Jahrhunderts

Im Zentrum steht der Gelehrte A. Square, der bekannte Held aus Edwin A. Abbotts mathematischer Fantasiegeschichte Flatland. Doch tatsächlich hat die Geschichte von Tomasula nur wenig mit der viktorianischen Farce gemein, denn Flatland gleicht hier eher einer amerikanischen Großstadt. Hierher ist Square wegen besserer Jobchancen gezogen. Der Leser bekommt Einblicke in das Familienleben: Der Geburtstag der Tochter, der Ausflug zur Independence Day Parade, die Krankheit der Mutter, die Überlegungen wegen einem neuen Kind, der gemeinsame Opernbesuch. All diese Szenen sind sehr vereinzelt. Sie verlieren sich fast in dem Romankonstrukt und erzählen auch keine wirklich zusammenhängende Geschichte. Dennoch entsteht so ein Gefühl für die Charaktere und die Ahnung einer Handlung.

Denn die Erzählung VAS, in der Square in der dritten Person über sich zu schreiben scheint, schweift immer wieder zu komplexen Gedanken ab, die sich um den Körper und die Vererbung dreht. Dabei greift Tomasula jedes dazugehörige Thema an, das sich auf den ersten Blick findet. Die jedoch kaum zu vergleichen sind mit philosophischen Gedankengängen in Romanen, sondern essayistische Ausmaße annehmen, in dem er seine Überlegungen mit Fakten, Zitaten und Statistiken anfüttert.

Die Erben von Worten und Säuren

Ich würde das Thema  – oder besser die Themen – jetzt gerne geschickt erzählen, doch es scheint mir beinahe unmöglich zu sein, da Tomasula (und vermutlich auch Farrell) in VAS ziemlich viel nebeneinander führt, während er sagt, dass es immer nur eine Linie gibt. Aber versuchen wir es trotzdem: Zu Beginn des Romans geht es um die Nachkommen und die Vererbungslinie, denn immerhin denkt Square darüber nach ein weiteres Kind in die Welt zu setzen. Er denkt über Familiengeschichten nach, die sich verlieren, denn nicht jeder Mann hat männliche Nachfahren. Darüber kommt er auch zu dem Aussterben von Familiennamen, dann zu Sprachen, die ähnliche Genealogien aufweisen, wie Familienstammbäume. Doch natürlich wandert er auch schnell zur Biologie spricht über die DNA und die Abstammung der Arten, also die Ausprägung bestimmter Merkmale. Zum Beispiel schreibt er von Weichtieren, ihren Schneckenhäusern und wie die verschiedenen Arten unterschieden werden. Parallel dazu weist er auch auf die Unterscheidung bei den zahlreichen Bevölkerungsgruppen unter den Menschen.

Der Körper des Menschen kann besser sein

Besonders eindrucksvoll (vielleicht weil es am klarsten gezeigt wird) ist der Absatz, in dem er sich mit Eugenetik und Euthanasie beschäftigt, also die Säuberung der menschlichen Art von fehlerhaftem genetischen Material. Bestimmt denkt dabei jeder sofort an den Rassenwahn des Faschismus. Doch tatsächlich ist das nicht der einzige Ort, für diese Gedanken: In jeder Industrienation und in den Reden zahlreiche Nobelpreisträger geht es darum, durch Genom- und Geburtenkontrolle, den Menschen zu verbessern.

Von da sind wir natürlich schnell, in dem wir den Gedanken weiterdenken und etwas ungeduldiger sind, bei der Verbesserung des Körpers selbst, der Maschine Mensch. Dafür zeichnet Tomasula (und natürlich Farrell) in VAS Bilder von Menschen mit künstlichen Gelenken, Menschen die sich operieren lassen, die sich optimieren lassen, die sich selbst zur hübschen Puppe machen. In einer Art Zukunftsvision zeigt Tomasula den Menschen, der sich komplett Optimieren kann und sich das Genmaterial nur noch aussuchen muss für die nächste perfektere Generation, während sich Square die Samenleiter und damit seine genetische Linie durchtrennen lässt.

Eine bildreiche Gedankenpartitur

Das waren jetzt viele Worte (fast schon mehr als Tomasula brauchte), doch viele dieser Gedanken werden auch in Bildern ausgedrückt, denn immerhin ist VAS ein Imagetext. Beinah das gesamte Buch ist durchzogen von dünnen Linien, die gleich mehrere Bedeutungen und Funktionen haben. Sie sind die Schnitte im Fleisch, sie sind die Abstammungslinien, die auch schnell mal durchtrennt werden können, sie sind die DNA-Schnüre. Denn die Buchstaben AGCT sind ein Leitmotiv in diesem Text, es wird sogar ein ganzes Genom ausbuchstabiert. Aber die Linien sind auch die Ebenen, auf denen verschiedene Gedanken ablaufen: Während Square über den Menschen nachdenkt, murmelt eine andere Schriftart über die Mollusken, wieder eine andere gibt Kommentare zur Bedeutung der Wort und selten ist das eine Stimme, eine Zeile Text die so einfach vor sich hindenkt. Denn es sind auch Notenlinien für diese Gedankenpartitur – immerhin ist das hier eine Oper.

Deswegen ist der Text in VAS auch mit zahlreichen Abbildungen versehen, die jedoch den Text nicht einfach bebildern, sondern teilweise eine eigene Gedankenebene aufmachen. Schon indem einzelne Seiten eingefärbt werden entsteht eine Stimmung im Text, oder einfach mal eine Atempause. Das Ende ist bestimmt von einer graphisch-schriftlichen Umsetzung einer Oper über das Thema des Buches selbst. Sozusagen ein Operncomic, der ironischer weise Musik in Worte setzt, ebenso wie Bilder. Aber das Genom-Duo kommt so voll zur Geltung (furioso: cagct). So wird die Sprache selbst zum Bild und der Körper selbst zwischen die Seiten gepresst. Denn tatsächlich ist das Buch in den Farben von Fleisch und Blut gedruckt. Die Gedanken zur Body-Modification werden begleitet von übervollen Collagen zu denen unter anderem abgedruckte Blutproben gehören.

Diskussionen im Flachland

Es war im Übrigen ein wichtige Frage für mich: Warum ist es eine “Opera in Flatland”? Denn es fühlt sich nicht wirklich danach an und scheint auch nicht die Regeln von Abbotts Flatland zu befolgen. Doch natürlich sind da zwei Aspekte doch besonders ausschlaggebend. Zum einen funktioniert die gesellschaftliche Satire Abbotts heute weiterhin, denn die Diskriminierung, welcher Art auch immer, wird in Flatland allein auf die Form reduziert, also auf den Körper. Zum anderen ist da eine Verflachung (im wörtlichen Sinne) des Themas zu beobachten: Die Erblinie wird in Stammbäumen festgehalten, die Vererbung mit vier Buchstaben festgehalten. Eigentlich wird der ganze Körper in flache Scheiben geschnitten und in Büchern und Formularen festgehalten.

Ein Lese-Erlebnis

Bestimmt ist mir so und so viel entgangen. Aber VAS ist eben auch kein leichtes Buch, dessen Geschichte und Gedanken sich nur mit Anstrengung folgen lässt, denn die fällt schwer allen Gedanken gleichzeitig zu folgen. Dennoch ist es wunderbar diesen Text zu erleben, der eine ganz eigene Form von Literatur darstellt, der so viele Gedanken anstößt, ein ganzen Universum im eigenen Körper vermutet und dabei gleichzeitig über die eigene Form reflektiert. Erstaunlicherweise hält sich Tomasula mit einer klaren Meinung zurück, er argumentiert nicht gegen Schönheitsoperationen oder Eugenetik, was teilweise schon fast seltsam wirkt, aber dem Leser eben mitdenken lässt. Dennoch ist da eine Wehmut gegenüber der gesamten Entwicklung entgegen der Natur spürbar, die zumindest sagt, dass wir es nicht unbedacht hinnehmen sollten.

Steve Tomasula, Stephen Farrell: “VAS: An opera in flatland”, University of Chicago Press, 370 Seiten, 18$

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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