Schneidende Stimmen

Auf den ersten Blick wirkt „Das 50-Jahre-Schwert“ vom experimentierfreudigen Autor Mark Z. Danielewski wie ein hübsches Bilderbuch. Da gab es schon faszinierende und irritierendere Zugänge, gerade von MZD. Doch ein tieferer Blick offenbart eine vielschichtige Schauergeschichte.

Es ist eine kalte und verschneite Oktobernacht. Die Partygesellschaft hatte sich für das Feuerwerk nach draußen begeben. Außerdem wollten sie auf einen Geburtstag anstoßen. Nun starren sie alle stumm und entgeistert auf das rote Muster im Schnee.

… uuund cut!


Darum geht es: um Schnitte und Stiche, Nadeln und Nähte. Es ist ein kleines Horrormärchen, das nicht umsonst an Halloween spielt. Die Protagonistin Chintana hat sich dazu durchgerungen, der Einladung von Mose Dettledown zu folgen und nun ist sie Gast einer gehobenen Halloweenparty. Um nicht zu viel mit der Frau zu tun zu bekommen, die ihre Ehe zerstört hat, passt sie auf die fünf Waisenkinder auf. Zusammen wird ihnen eine besonderer Programmpunkt geboten.


Was ich euch zu erZählen habe, / begann er / langsam, / das muss ich euch zeigen. was ich euch aber zeige, muss ich euch auch erZählen. Ich habe nur mich selbst und wo ich war und was ich fand und was ich euch nun bringe. / Und das wird auch Angst machen.


MZD zeigt sich in diesem kurzen Roman von seiner poe-tischen Seite. Zum einen ist seine Sprache durch die besondere Form äußerst lyrisch. Vor allem steht MZD hier erkennbar in der Tradition von Edgar Allan Poe: Die Erzählung aus der Sicht eines Unbetroffenen und diese Stimmung, dass das Unheimliche in das Alltägliche hineinbricht und die häusliche Sicherheit einer Feierlichkeit jäh infrage stellt. Dazu kommt dieses Spiel mit der Wahrheit: Im Buch wird eine Legende erzählt, die sich schließlich als erschreckend wahr herausstellt und schließlich bleibt unklar, wer die Geschichte erzählt.


Wo keine Anführungszeichen stehen, ist das Schlimmste zu vermuten: Eine Unterbrechung durch jemand anders als die bereits genannten Personen, den Leser oder gar den Verfasser, der zusätzlich, das muss festgehalten werden, weiter nichts getan hat, als die hier versammelten und wieder zusammengestellten Teile zusammenzuborgen, auf dass sie hier eine ziemlich merkwürdige und insgesamt vollkommen andere Geschichte eines Oktoberabends im Osten von Texas bieten. – MD


Das Spannende an diesem Buch ist jedoch nicht einfach nur seine Geschichte, sondern wie MZD das Thema in allen Ebenen spiegelt. Auf inhaltlicher Ebenen geht es um Lebenseinschnitte und magische Schwerte. Für diese Erzählung hat er einen ganz eigenen Ton entwickelt, in dem er seinen lyrischen Text selbst zerschneidet und behauptet, dass hier einzelne Interview neu zusammengesetzt wurden. So entsteht ein seltsames Gefühl von Wahrheit, von einem verbundenen Bewusstsein. Die Illustration ist so auch nicht einfach nur Bebilderung sondern Teil der Spiegelung: Auf äußerst kunstvolle Weise visualisieren Stickereien und geschickte Schneiderarbeiten den Horror, der den Leser immer mehr in den Bann ziehen. Und selbst der Titel lässt sich als Code für den berühmtesten Fadenhalter der Geschichte lesen, sodass dass das Buch plötzlich eine Verknüpfung zu Danielewskis Debüt „House of Leaves“ herstellt.

“Das 50-Jahre-Schwert” scheint auf den ersten Blick das simpelste Buch von MZD zu sein, der sonst viel mehr mit Formen und Typographien spielt. Doch der Horror tritt auf diese Weise viel deutlicher zu Tage und je öfter man dieses Buch liest, desto mehr verborgene Botschaften offenbaren sich.


Mark Z. Danielewski: Das Fünzig-Jahr-Schwert, Tropen, 288 Seiten, 29,95€

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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