Lebende Geschichte

Von grafischen Computerspielen vertrieben, fand mit dem Ende von Infocom auch das goldene Zeitalter der Text Adventures ein jähes Ende. Wer aber dachte, dass das Genre damit ausgedient hatte – weit gefehlt…


Ende der 1980er Jahre waren die Text Adventures zwar vom kommerziellen Markt verschwunden, wirklich von der Bildfläche verschwunden ist das textlastige Genre allerdings nie. Denn während sich die großen Firmen mit den wachsenden technischen Möglichkeiten auch zunehmend auf bildliche Darstellungen konzentrierten, fanden stattdessen immer mehr Hobby-Entwickler gefallen an den Sprachwelten. Und das aus einem ganz simplen Grund: Die Spiele lassen sich leichter entwickeln. So sind Bilder sicherlich schöner anzusehen, in gleichem Maße ist aber auch der Aufwand bei der Programmierung deutlich größer. Es muss ja schließlich einen Grund haben, warum grafische Computerspiele so viel mehr Speicherplatz benötigen. Textwelten lassen sich dagegen viel einfacher erstellen und bieten so meist auch viel mehr Möglichkeiten der Gestaltung – den Rest erledigt dann eben die Fantasie.


“It runs on the world’s most powerful graphics chip: imagination”

Dabei mussten die interaktiven Geschichtenbastler nicht einmal richtig programmieren können: In den 80ern entstanden nämlich nicht nur jede Menge selbstgebastelte Spiele, sondern eben auch Programme und Tools, die die Erstellung von Interactive Fictions deutlich vereinfachen sollten (wobei das eine sicherlich auch das andere bedingt). Oft reichte also schon die Idee, Kreativität und Schreibsicherheit (und vielleicht auch ein wenig technisches Grundverständnis), die technischen Probleme ließen sich dann schon mit dem entsprechenden Programm überwinden.

Solche “Interactive Fiction Development Systems” gibt es übrigens auch heute noch. Wenn ihr also schon immer euer eigenes Text Adventure erstellen wolltet und nur nicht wusstet wie und wo ihr überhaupt anfangen sollt, schaut euch doch mal auf Seiten wie getmewriting.com um. Hier findet ihr bereits fünf solcher Tools mit der entsprechenden Beschreibung – damit ihr gleich wisst, welches Programm sich am besten für eure Fähigkeiten und Zwecke eignet. Da der Artikel allerdings schon reichliche zwei Jahre alt ist, funktionieren die Links leider nicht mehr alle. Ich habe für euch aber nochmal alle Tools gesammelt und mit aktuellen Links versehen (die Programme sind nach wie vor aktuell):

  • Twine (simples Programm, gut für den Einstieg – aber eingeschränkte Möglichkeiten)
  • Inform 7 (“programmiert” wird in der englischen Sprache, dadurch etwas verwirrend)
  • TADS (= “Text Adventure Development System”, sehr technisch und eher für Programmierer geeignet)
  • Quest (Interactive Fiction wird im Webbrowser erstellt und gespielt, daher für alle Betriebssysteme geeignet)
  • ADRIFT (grafisches Interface, eignet sich daher besonders gut für Anfänger)

Die Qual der Wahl

Wenn ihr jetzt keine Lust habt selber kreativ zu werden, sondern viel lieber ersteinmal in ein paar fertige Interactive Fictions reinschnuppern wollt, ist das natürlich auch kein Problem. Über die Jahre haben Interactive Fictions eine regelrechte Community um sich herum gebildet, die sich vor allem durch eines auszeichnet: Kreativität und Tatendrang. Obwohl auf dem Computerspielmarkt die Grafik immer hochauflösender und wichtiger geworden ist, sind die Fans von Interactive Ficition nämlich noch bis heute aktiv – vermutlich auch, weil eigentlich jeder ein Text Adventure erstellen kann. Der Beweis für den Tatendrang findet sich dann auf zahlreichen Webseiten: Interactive Fictions in zahlreichen Formen und Ausführungen, klassische Text Adventures, experimentelle Interactive Fiction, Heldengeschichten, Psycho-Horror oder beliebte Märchen. Der Fantasie sind eben keine Grenzen gesetzt und das fasziniert die Fans von Interactive Fiction bis heute.

Die deutsche Interactive Fiction Website interactive-fiction.de hat die wichtigsten Anlaufstellen in einem kleinen Fließtext zusammengefasst, wenn ihr auf der Suche nach Spielen seit. Praktischerweise stehen hier auch wieder kurze Beschreibungen über die Seiten und wann ihr euch am Besten an diese wendet. Seiten wie The Interactive Fiction Database und The Interactive Fiction Archive bieten zum Beispiel eine recht große Auswahl, sind dafür – gerade für Neulinge – oft etwas unübersichtlich. Dagegen konzentriert sich das IF-Album vielleicht nur auf deutsche Interactive Fictions, ist dafür aber auch viel strukturierter.

Seid ihr dagegen vor allem auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Spielen (bei jede Menge Spielen ist ja oft auch jede Menge Mist dabei), könnt ihr euch übrigens auch an den zahlreichen Wettbewerben orientieren. Seit den 90ern prämieren nämlich Preisverleihungen und Wettbewerbe wie die XYZZY Awards und die Interactive Fiction Competition die besten Neuerscheinungen im Bereich Interactive Fiction. Ein Qualitätsgarant ist das zwar auch nicht immer, aber immerhin besser, als sich durch tausende Archive zu kämpfen…



Teil 1 / Teil 2a / Teil 2b / Teil 3

Formen von Interactive Fiction:

Spielebuch / Interaktiver Comic / Interaktives Hörspiel / Text Adventure

Caecilia
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Caecilia

Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden. Nachdem der Traum vom Leben im Land der aufgehenden Sonne schon am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin mit den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf. Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele vorerst aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.

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