Kindheitserinnerung: “Golden Sun”

“Golden Sun” hat für mich einen besonderen Stellenwert. Es ist das erste Videospiel, das ich auf meinem GameBoy zu Ende gespielt habe – das erste, das ich überhaupt beendet habe. Ich errinnere mich noch genau an die vielen Stunden, die ich vor dem kleinen Bildschirm verbracht habe; eine fremde Welt bereist habe, an Rätseln oder Endgegnern verzweifelt bin. Aber was macht “Golden Sun” so besonders, dass ich stundenlang daran gefesselt war? Ein nostalgischer Blick auf eine besondere Kindheitserinnerung.

Das erste Mal, dass ich von “Golden Sun” gehört hatte, war Weihnachten 2002 – also nur kurz nachdem ich meinen GameBoy Advance bekommen hatte. Mein Cousin hatte mir damals davon erzählt. Er selbst hatte es noch nie gespielt, aber so schwärmerisch davon berichtet, dass ich mich auch vor Begeisterung kaum halten konnte. Das war’s dann aber auch für lange Zeit: “Golden Sun” war erst ein paar Monate zuvor erschienen und für mich, mit meinem bisschen Taschengeld, eigentlich unbezahlbar. Weihnachten war gerade erst vorbei und mein Geburtstag wiederum noch einige Monate entfernt.

Golden Sun

Genre: Rollenspiel
Entwickler: Camelot Software Planing
Publisher: Nintendo
Release: 2001 (Japan, USA), 2002 (Europa)
Plattformen: GameBoy Advance,
Virtual Console (WiiU)

Zu dem Zeitpunkt hatte ich “Golden Sun” (von dem ich eigentlich keine genaue Vorstellung hatte) dann längst wieder vergessen und hätte mich wahrscheinlich auch heute nicht mehr erinnert. Hätte nicht eine Schulfreundin genau dieses Spiel geschenkt bekommen und es mir dann ausgeliehen – zum Glück. Denn auch heute noch halte “Golden Sun” für eines der besten Rollenspiele, die ich je gespielt habe.


Vier Helden retten die Welt

Ganz versteckt am Fuße des Aleph-Bergs, dem heiligsten Gipfel auf dem Kontinent Angara, ruht ein friedliches Dorf namens Vale. Seit Jahrhunderten sind die Ältesten dieser abgelegenen Gemeinschaft die Hüter des Heiligtums von Sol – ein alter Tempel am Hang des Berges, in dem seit Äonen ein Siegel die Wissenschaft der Alchemie verbirgt.

Doch jetzt wurde das Siegel gebrochen. Eine mysteriöse Gestalt versucht, die Macht der Alchemie wieder freizusetzen. Eine Macht von solcher Größe, dass jeder der sie zu nutzen weiß, seine sehnlichsten Wünsche zu verwirklichen mag: Unglaubliche Reichtümer, ewiges Leben, selbst die Macht, die Welt zu zerstören. Wird die vereinte Kraft der vier Elemente – Erde, Wasser, Wind und Feuer, aus denen jede Materie besteht – entfesselt, muss sich die Welt demjenigen beugen, der sie besitzt. Wenn dieses schreckliche Schicksal abgewendet werden soll, muss sich eine mutige Seele erheben!

Golden Sun Booklet
Die vier Weltenretter.

Die Handlung beginnt in eben diesem kleinen Dorf, Heimat des Venus-Adepten Isaac und seiner Freunde Garet und Jenna – und einem der letzten Orte, in denen die Menschen noch magische Fähigkeiten beherrschen. Auf der restlichen Welt ist die sogenannte “Psynergy” dagegen größtenteils in Vergessenheit geraten, nachdem bereits vor Jahren die Macht der Alchemie versiegelt wurde. Als zwei fremde Mars-Adepten die vier Elemente-Steine aus dem Heiligtum von Sol stehlen, um damit die Elemente-Leuchttürme zu entfachen und droht diese Macht wieder freigesetzt zu werden. Und natürlich müssen Isaac und seine Gefährten (der Mars-Adept Garet, der Jupiter-Adept Ivan und die Merkur-Adept Mia) nun diesem Fremden hinterherreisen, um das Entfachen der vier Leuchttürme zu verhindern und die Welt dadurch zu retten.


Eigentlich nichts Besonderes?

Okay, ich gebe es zu: So rückblickend betrachtet, ist an dem Setting in “Golden Sun” zunächst wirklich nichts besonderes. Grob gesagt lässt sich die Handlung nämlich auch in einem Satz zusammenfassen: Vier Helden reisen, um die Welt zu retten. Na, kommt das bekannt vor? Kein Wunder, genau so beginnen ja wahrscheinlich auch ein halbes Dutzend anderer japanischer Rollenspiele. Der erste “Final Fantasy”-Teil handelt beispielsweise von den vier Kriegern des Lichts, die sich das gleiche heldenhafte Ziel gesetzt haben. Es muss ja aber einen Grund geben, warum ich das Spiel damals geradezu verschlungen habe.

Und den gibt es auch. Genauer gesagt gibt es sogar vier Gründe, die mir jetzt spontan einfallen würden:

Die Psynergy…

… ist eigentlich nichts anderes als eine Art von Magie, wie sie es auch in zig anderen Videospielen gibt. Irgendwie dann aber auch nicht. Das Besondere ist nämlich, dass Psynergy auch außerhalb des Kampfes genutzt werden kann, um die Umgebung zu beeinflussen und damit die zahlreichen Rätsel so lösen. So banal das auch klingen mag, das habe ich danach nie wieder in einem anderen RPG gefunden. Leider.

Übrigens besitzt jeder Adept besondere Fähigkeiten: Venus-Adapten können die Natur beeinflussen, Mars-Adepten sind Hitzköpfe und daher besonders stark, Jupiter-Adepten besitzen mentale Fähigkeiten und Merkur-Adepten sind der gute Heiler.

Die lustigen kleinen Pokémons …

Quelle: goldensun.wikia.com

… die in “Golden Sun” eigentlich Dschinns heißen, haben auf die Psynergy einen großen Einfluss. Dschinns sind kleine Elemente-Geister, die nach Diebstahl der Elemente-Steine über ganz Weyard verteilt wurden. Die Adepten können sich dann mit Ihnen verbinden und dadurch neue Fähigkeiten und Beschwörungen freischalten. Ich habe allein schon Stunden damit verbracht Landschaften zu durchforsten, Dschinns zu sammeln und dann verschiedene Kombinationen auszuprobieren – einfach um zu schauen welche Psynergien sich daraus ergeben. (Und damit wieder neue Rätsel zu lösen.)

Die Welt…

… ist noch wie in den guten alten RPGs zu SNES-Zeiten: groß und frei bereisbar. Und das ist auch gut so. Denn Weyard ist für mich der Inbegriff einer detaillierten Spielwelt – und das obwohl der GameBoy Advance die Möglichkeiten durchaus begrenzt hielt. Die verschiedenen Orte und Kulturen sind aber so liebevoll gestaltet, dass die knubbelige Grafik da gar nicht mehr stört, sondern im Gegenteil einen ganz eigenen Charme entfaltet.

Quelle: gaming.wikia.com

Dieser Charme lässt sich dann in der Fortsetzung “Golden Sun: Die vergessene Epoche” fast unbegrenzt genießen, denn hier bekommt das Team endlich ein eigenes Schiff und der Spieler kann je nach Belieben bis an die Grenzen der Erdscheibe reisen. (Ja, in “Golden Sun” ist die Welt tatsächlich noch eine Scheibe.)

Der Soundtrack…

… tat dann wohl sein übriges. “Golden Sun” hat neben “Final Fantasy” nämlich eines der schönsten Soundtracks, die ich je gehört habe. Für nahezu jedes Fleckchen Weyard gibt es eine passende musikalische Untermalung, die ich mir auch heute gern noch anhöre:

Unvergesslich ist für mich die Art und Weise, wie “Golden Sun” Stimmen nachahmt: Der GameBoy Advance konnte Stimmen. Statt einfach nur Textblöcke einzublenden, werden die jeweils mit einem “Blöööp Blööp”… – naja, jedenfalls einem Geräusch unterlegt, das nicht nur das Tempo seines Redners, sondern auch dessen Stimmhöhe andeuten sollte. Wenn ich mich so recht erinnere, ging mir das Geräusch manchmal ganz schön auf die Nerven.


Die Reise geht weiter

Ich stelle also fest: “Golden Sun” ist sicherlich nicht das Bedeutenste Videospiel aller Zeiten – viele Ideen sind absolut Rollenspieltypisch. Die Art und Weise wie das GameBoy-Spiel diese Elemente in einer wunderbaren Welt verarbeitet und mit einigen neuen Ideen bespickt, ist mir bis heute noch im Kopf geblieben (Psynergy, Rätsel – und “Blöp”!).

Ob da jetzt immer noch nostalgischen Erinnerungen aus mir sprechen oder “Golden Sun” doch so toll ist kann ich jetzt schwer sagen. Die Begeisterung hat aber zumindest so weit gereicht, dass mein Erspartes einige Zeit später für den 2. Teil drauf ging. Und noch ein paar Jahre später für die 2. Fortsetzung. Und ich würde es wieder tun.

Gott, was wünschte ich, es würde noch einen weiteren Teil geben.

 

Caecilia
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Caecilia

Ehemaliger(?) "Final Fantasy"-Freak. Hat durch die Liebe für das Japanische Rollenspiel zum Videospiel gefunden. Nachdem der Traum vom Leben im Land der aufgehenden Sonne schon am Sushi-Hass zerplatzte, fand die Musik- und Theaterwissenschaftlerin mit den Game Studies einen passenden Ersatz; ging ihren Dozenten deswegen permanent mit Hausarbeiten zu Videospielmusik, Avatartheorien oder Bewegungssteuerungskonzepten auf den Leim; versuchte sich nebenher als Redakteurin beim RETRO-Magazin oder stockte ihre Spielesammlung mit Aushilfsjobs bei GameStop auf. Ihr großer Traum: Mit einer Professur das eigene Hobby durch die Uni finanzieren zu lassen. Bis dahin tobt sich eben auf schraeglesen aus und bezahlt die Spiele vorerst aus eigener Tasche. Wegen ihrer Vorliebe für Indie Games hält sich der finanzielle Aufwand dabei zum Glück in Grenzen.

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