Wenn Geschichte zum Horror wird

Alles beginnt mit einem Werwolf-Angriff. Vielleicht konnte es nur Jakob Nolte schaffen, daraus keinen Fantasy-Roman zu schreiben, sondern stattdessen eine Abhandlung über Gewalt und Utopie zu schreiben. Auch der Buchpreis-Jury war das 2017 eine Nominierung wert. Im Interview schimmert gleich eine unendliche Geschichte durch.

Jakob Nolte

Die Geschichte des Romans “Schreckliche Gewalten” ist eigentlich schnell erzählt: In einer eigentlich normalen Nacht verwandelt sich Hilma Honik in einen Werwolf und frisst ihren Mann. Ihre Kinder Iselin und Edvard müssen jetzt mit dem Verlust und dem Schrecken umgehen. Jakob Nolte erzählt, wie schon in “Alff” in kurzen Szenen viele Geschichten und taucht tief in die unterschiedlichen Figuren ein: Den Vater mit Nazi-Vergangenheit, den Fluch der Mutter, Edvards Suche nach Freiheit und Iselins Wunsch, die Welt zu verändern. Das hat bei mir Fragen wuchern lassen (die zu den astronomischen Beobachtungen und den Kindstoden habe ich gar nicht stellen können) und bei Jakob Nolte wucherten die Antworten.

Menschen und Tieren

Der Roman „Schreckliche Gewalten“ beginnt gleich mit einer Tierwerdung. Die Geschichte erzählt von dem Moment, wo sich der Mensch nicht mehr beherrschen kann. Wie würden Sie denn das Verhältnis von Mensch zu Tier beschreiben?

Diese Begriffe von Natur und Tier sind momentan sehr im Umbruch, was Transhumanismus und die Diskurse darum angeht. Man liest immer so prägnante Unterscheidungen von Mensch und Tier. Ich habe in den letzten Tagen zwei Unterscheidungen von Mensch und Tier gelesen. Die eine war, dass der Mensch (oder heißt es das Mensch?) sprechen kann, also eine Sprache kultiviert hat, auf die zurückgegriffen werden kann als Kommunikationsmittel. Das stand in dem wundervollen Rock’n’Roll-Roman „Supernatural Strategies for making a Rock’n’roll group“ von Ian Svenonius. Und in Thomas Machows Buch über den Selbstmord „Das Leben nehmen“ steht, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, dass sich Menschen umbringen können und das auch machen und dass Tiere das sonst nie tun. Das kann man schon zurückführen auf irgendeine Form von Bewusstsein, das sich die Menschheit sich selbst unterstellt und das viel weiter über das Bewusstsein aller Tiergattungen hinausgeht.

Ich fand das auch sehr interessant, weil Edvard schnell darüber nachdenkt, wie wenig Tier er ist. Beziehungsweise wie sehr er die Mutter darum beneidet, dass sie dieses Tierdenken annehmen kann. Aber man hat den Roman über das Gefühl, so stark sind die Grenzen zwischen Mensch und Tier gar nicht.

Ich glaube, das hat etwas mit der Perspektive des Erzählers zu tun. Die Darstellung von allen Dingen in diesem Roman hat – wo wir jetzt so darüber reden, ist es das erste Mal, dass ich so darüber denke – den Gestus von Tierdokumentationen. Die Dinge, die passieren, werden oft kühl und neutral einfach nur betrachtet. Vielleicht entsteht dadurch der Eindruck, dass es sich bei Edvard auch um ein Tier handelt. Ich finde es auch gewinnbringend, sich selbst als Tier wahrzunehmen und nicht so viel darauf zu geben, dass man außerdem Teil der menschlichen Rasse ist.

Auf der Suche nach der Utopie

Bleiben wir bei den Tieren. Die Geschichte ist zweigeteilt: die Familiengeschichte von Edvard und Iselin Honik und zum Schluss, auf wenigen Seiten, wird von einem Hyänenclan berichtet. Wie sind diese beiden Teile entstanden und wie haben die sich gegenseitig bedingt?

Es war von Anfang an klar, dass es diese Zweiteilung der Geschichten geben soll und muss. Es hatte für mich viel mit dramaturgischen und erzählerischen Gründen zu tun. ich finde es interessant und aufregend, durch den Kontext eines Romans diese beiden Geschichten miteinander zu verweben, die parallel etwas erzählen.

Die Figuren sind unaufhörlich auf der Suche nach einer Form von Utopie oder einer Form von politischem Dasein, mit der sie leben können. Das ist das Paradox, dass Edvard, der eher das individualistische Denken der westlichen Gesellschaft hat, sich in der Sowjet-Gesellschaft befindet. Dabei ist es Iselin, die auf der Suche nach einer Form von Gleichheit und einer politischen Agitation ist, die sich nach dem anderen sehnt. Wenn die die Rollen getauscht hätten, würde es so viel besser ausgehen. Aber es ist leider anders herum.

Weil der Roman sehr düster ist, wollte ich eine Art Utopie erzählen, ehrlich gesagt. Man kann diese Tüpfelhyänengesellschaft schon als utopisch bezeichnen oder zumindest als starken Gegensatz zu der Gesellschaft, in der wir leben: Es ist ein Matriarchat und die Tüpfelhyänen haben auch so eine Art Transkörper. In dem Diskurs um Transsexualität spielen die als Symbol oft eine große Rolle, weil diese Weibchen größer und stärker sind, sogar so größere Pseudopenisse haben, mit denen sie die Männchen penetrieren können und dieser Dinge mehr.

Außerdem war für mich auch der Zeitraum klar in dem der Roman spielen sollte. Nämlich zwischen dem Selbstmordattentat am Flughafen von Lod, das auch im Roman beschrieben wird, der sich um Kozo Okamoto und die Japanische Rote Armee dreht und eigentlich den Einzug der Sowjet-Truppen in Kabul. Diese Konflikte waren für mich von Anfang an wichtig. Also für mich wäre Afghanistan immer ein Teil des Romans, sowohl aus persönlichen als auch erzählerischen Gründen, politischen Gründen. Aber für mich war die Frage, wie kann ich als weißer, deutscher Mann, der noch nie in Afghanistan war, über Afghanistan berichten? Was kann das sein? Ich wollte mir nicht irgendetwas in den Häuserschluchten von Kabul ausdenken, das fand ich irgendwie übergriffig. Darum war für mich diese Tierparabel, die in diesem Wachankorridor spielt, der tatsächlich einer der am wenigsten beschriebenen Orte er Welt ist, wahnsinnig interessant.

So kam eines zum anderen, dass ich da die Geschichte von diesem Hyänen-Zwillingspaar als Parallelgeschichte zu dem Zwillingspaar, das wir vorher kennen gelernt haben. Was bei denen besser funktioniert, was schlechter. Auch wenn das bei denen tragisch zu Ende geht, finde ich, dass die auf eine Art das aufregendere und schönere Leben haben. Das ist auch eine Art von Sehnsuchtsunterstellung oder ein Fetischisieren von so einer Naturwelt, von Freiheit. Aber ich dachte, es wäre gewinnbringend, diese Verbindung noch einmal herzustellen.

Landkart des Schreckens

Jetzt war bereits die Rede von diesem zeitlichen Raum, in dem der Roman spielt. Wie war denn der Umgang mit den geschichtlichen Ereignissen, die sich da in die Geschichte, die ja in hohem Maße fiktiv ist, hineinschieben?

Ich habe das mal bezeichnet als intuitive Recherche. Der Zeitraum war für mich klar, weil ich an einer Abhandlung über politische Utopien interessiert war. Eine Sache, in der sich das Heute eher spiegelt, als es abzubilden, eher im Verhältnis zum Heute, etwas heute und damals gleichzeitig spielen zu lassen, was ich spannend fand – und finde.

Die verschiedenen Etappen haben sich ganz einfach ergeben, was aber tragischerweise auch an der Geschichte dieses Kontinents liegt. Wenn ich über Nationalsozialismus oder Faschismus berichten möchte, kann ich mir so gut wie jeden Ort in Zentraleuropa aussuchen und ich werde dort das passende Beispiel eines faschistischen Übergriffs finden. Dieses schwere Thema von Gewalt, Faschismus, allen Arten von entarteter Ideologie usw. ist so überpräsent auf diesem Kontinent und im letzten Jahrhundert, dass das wie von selbst passiert. Zum Beispiel gibt es diese Passage über Ponary, wo ein Riesenmassaker war. Ich habe wirklich nur einen Wald in der Nähe von Vilnius gesucht. Aber der erste Google-Eintrag ist dann das Massaker von Ponary. Das hat sicher auch was mit Suchbewegungen zu tun. Vielleicht war mein Google-Algorithmus schon so darauf eingestellt.

Eigentlich kamen alle Themen wie von allein immer wieder. Auch die Frage nach Kozo Okamoto, diesem Terroristen, überall tauchte der so ganz leicht wieder auf: Bei der „Landshut“-Entführung ()wurde gefordert, dass der freigelassen wird, in München wurde gefordert, dass er freigelassen wird. Überall tauchte er wieder auf, genauso wie verschieden Metaphoriken oder Bilder – wie das des Wolfes – die überall herausschauen.

Dann war es eher eine Frage von Aufmerksamkeit, Geduld, die diese Recherche mitbegleitet hat. Ich habe mir einfach sehr viel notiert, die Notizen überarbeitet und dabei geschaut, wo sich zwei Pole wiederfinden, die miteinander im Spiel sind. Dann musste man Sachen rausschmeißen, arrangieren, dass die irgendwie miteinander tanzen. (Ich hab‘ das Gefühl ich bin fiebrig, ich rede die ganze Zeit in so fiebriger Sprache, „Dass die miteinander tanzen“)

Der reale Horror

Man hätte die Geschichte ja auch „normal“ erzählen können: diese geschichtlichen Ereignisse und diese Suche dieser beiden Zwillingsgeschwister. Es hätte auch ohne diese fantastischen oder Horrorelemente funktioniert. Warum sind die da drin. Warum fängt es mit einer Verwandlung zum Werwolf an, der den Ehepartner zerfleischt?

Das sind für mich zwei verschiedene Sachen: Zum einen ist diese Horror- und Genre-Metaphorik etwas, das mir Spaß macht, was ich vergnüglich finde, was einem auch ein Augenzwinkern erlaubt. Man kann sich da auf so ein wenig zurücknehmen und den Fun daran haben.

Auf der anderen Seite funktioniert die Geschichte nur, weil sie ununterbrochen unterbrochen wird, Denn die These des Buches ist auch, dass die Schrecken, die weltweit passieren, einen starken Einfluss auf die individuelle Persönlichkeit und die individuellen Entscheidungen haben, wie Menschen miteinander agieren. Ich glaube nicht, dass es spurlos an der Psyche vorbei gehen kann, dass ein Krieg in Syrien herrscht, dass weiterhin ein Krieg in der Ukraine geführt wird. Das sind Sachen, die wir natürlich sehen. Man kann natürlich zu Hause in seinem Zimmer sitzen und daran nicht denken. Aber ich glaube, wir können das nicht fernhalten von unserer Psyche. Genauso wie wir es nicht fernhalten können, welche Auswirkungen die absolute kapitalistische Ausbeutung gewisser Länder zu Gunsten unseres Reichtums hat.

Das hört sich ja schon an Klischee an und dass man das dann in Klischees verwandelt, soll einen absichern. Aber ich glaube nicht, dass wir davon unberührt sind. Auch das ist für mich die Erzählung des Buches. Vor allem Edvard ist schlicht nicht in der Lage eine Nähe preiszugeben, Ja zu sagen, da zu bleiben, sich zu öffnen. Er ist dazu nicht in der Lage, weil der umgeben ist von Horror, in einem Land, das sozusagen auf einer Horrorgeschichte basiert, in einer Familie, deren Erbe eine Horrorgeschichte ist – sowohl die tatsächliche Geschichte des nationalsozialistischen Vaters und der vertriebenen jüdischen Familie, als auch das Bild der Werwolf-Metaphorik, die eben auch ein Bild für genau diesen Schrecken ist. Es ist ja kein Zufall, dass es diese Himmler-45-Werwolf-Gruppe gab. Eigentlich gilt das ähnlich für Iselin, die auch wirklich fragwürdige Lebensentscheidungen trifft.

Darum hängen die [Anm.: Geschichte und Horror] für mich zusammen. Das ist ja nicht wahllos. Die Geschichte wird davon nicht in Ruhe gelassen. Das ist auch das, was ich mir für die Welt wünsche, was aber gleichzeitig auch schrecklich ist. Wenn man die Al Jazeera-App hat und die Benachrichtigungen zulässt, hält man das nicht aus. Man kann nicht jeden Tag aufwachen und von einem Bombenanschlag in Kabul oder von Vertriebenen in Myanmar oder von was auch immer lesen. Das macht einen auf eine Art fertig.

Man kann fragen, was haben die überhaupt mit mir zu tun? Trotzdem gibt es die und wenn man dann sagt, wir sind alle Teile derselben Menschheit und wir stehen im Verhältnis zu den anderen Menschen, was bedeutet das dann für mich? Der Wohlstand in dem ich lebe in dem Verhältnis zu dem Horror, von dem ich weiß, von dem ich lese, der ununterbrochen eindringt in meinen Feed. Das ist auch das Prinzip des Buchs, dass es in den Feed der Figuren, also deren nette mitteleuropäische Geschichte des Romans, ein ununterbrochenes Eindringen und Reinschlagen gibt, von Horror, von Verletzung, Schmerz, Zerstörung, von allem, was um sie herum passiert. Das macht die Figuren porös, angreifbar und alle so anritzt. Der Horror dringt schon in die ein, bis sie sich selber wandeln – in ein Wesen des Schreckens.

Auf der Spur nach Sprache

Die Sprache hat ja auch seltsam überzogene Momente, so wie sie die fantastischen Horrorelemente beschreibt. Das hat auch manchmal so etwas Zynisches, was wiederum Distanz schafft. War es schwierig diese Sprache zu finden?

Auch das war relativ intuitiv. Ich finde es wenig zynisch, aber vielleicht täusche mich da auch. Ist das überhaupt eine Art damit umzugehen? Es ist hart, sich vier Jahre mit Massakern zu beschäftigen und man stumpft auch ab. Die Sprache des Erzählers spiegelt eher einen Umgang wieder: Wenn es zynisch ist, wäre es eher mein Ziel, Zynismus auszustellen. Aber den will ich auch als etwas Eigenes zuzulassen, auch wenn sich das vielleicht widerspricht. Ich will auch nicht lügen, ich versuche schon aufrichtig zu schreiben. Wenn ich dann irgendwann anfange, zynisch auf etwas zu schauen, oder ich merke, ich habe da jetzt gar keine emotionalen Zugang mehr zu, dann finde ich das auch erwähnenswert und versuche das über die Sprache zuzulassen.

Aber eigentlich geht es vom Erzählen her immer um die Versuche, das zu zulassen, ranzulassen. Also für mich gibt es da wahnsinnig viele Momente, die unfassbar traurig sind. Es ist interessant, weil das Buch oft als lustig beschrieben wird und ich es wahnsinnig traurig finde und ich will an vielen Stellen weinen.

Ich glaube, es sind diese Momente der Übertreibung, die dann die Traurigkeit wegnehmen. War das dann Absicht?

Die Leerstellen der Geschichten

Ich weiß es nicht. Das sind dann so Mikrobewegungen. Also dass man zu einem extrem theatralischen, traurigen Moment kommt, den dann aber wieder bricht, weil er das irgendwie auch nicht aushält. So würde ich das für mich beschreiben. Für mich ist der Bruch noch trauriger, weil es gar nicht zugelassen wird. Aber für mich ist das auch lesbar als Akt. Da müsste man sich ein Beispiel aus dem Buch raussuchen, vielleicht reden wir von ganz unterschiedlichen Sachen.

Die Leerstellen der Geschichten

Woran ich gerade gedacht habe, weil mir die Stelle sowieso gerade im Kopf herumschwirrt, ist dieser Einschub über die Werwolf-Jägerin. Da geht es um den Moment, wo sie zur Jägerin wird. Erzählt wird da eine Nacht sexueller Eskapaden, der dann ganz plötzlich in Gewalt umschwingt. Das kommt so plötzlich und heftig, dass man die Trauer, die sie vermutlich hat, gar nicht wahrnimmt. Das ist vermutlich ihre Methode, das wegzudrücken, aber die Trauer, die sie hat, ist bei mir nicht angekommen.

Das wird ja zweimal erzählt und beim zweiten Mal ist der Moment des Bruchs noch ausführlicher und beim ersten ist es schockhafter. Es gibt ja eine kleine Spiegelung dazu, dass sich Alexander Nähmlich nach einem Kater das Leben nimmt. Die Werwolfjägerin handelt ja auch aus einem Schreck, aus einem gigantischen Kater heraus. Da spiegelt sich für mich so ein Katerzustand wieder, warum das so abrupt kommt. Beim zweiten Mal habe ich schon probiert, dass es ein wenig ausführlicher wird, dass man da mehr Gefühl bekommt. Aber klar ist das ein Bruch: Man ist in einer Stimmung und fühlt sich da wohl und dann wird einem die Stimmung sofort wieder weggenommen.

Wo wir gerade bei dieser Stelle sind: Es gibt hier so einen Satz, der fängt an, dann geht eine Klammer auf und dann folgen fast 30 Seiten dieser Erzählung als Einschub. Warum so?

Ein Prinzip des Romans ist ja die Klammer. Das habe ich relativ früh versucht als Stilmittel zu etablieren. Ich weiß noch als ich Matheunterricht hatte – früher – wurde mir erzählt, dass sich zwischen zwei Zahlen ein unendlicher Raum an Zahlen befindet. Dafür steht bei mir eben die Klammer, dass man immer etwas öffnen und noch mehr dazu sagen kann. Zu jedem Symbol, das uns umgibt, zu jedem lesbaren Zeichen gibt es eine unendliche Anzahl an weiteren Informationen, die sich einfach weiter und weiter und tiefer und tiefer fortsetzen lässt, wie eine Kette. Dieser Tatbestand ist durch das Internet nochmal ganz krass verändert worden, weil wir jetzt sozusagen so ein Ding in der Tasche haben, das zumindest einen Ausblick auf die Ausmaße der Klammer geben kann.

Auch davon handelt der Roman: Wie wollen wir handeln, wenn wir nie sicher sein können, alles zu einem Thema zu wissen? Wie kann man überhaupt handlungsfähig sein, in dem Wissen des eigenen Unwissens, der eigenen Begrenztheit, was wir über ein Thema wissen. Der Fakt, dass wir vier Mal im Jahr wählen dürfen, ist wie eine Farce. Denn ich glaube, dass 98% der Leute, die zur Wahl gehen, überhaupt keine Ahnung haben, worüber sie gerade abstimmen, welche Wahlprogramme dahinter stehen. Aber man erträgt das irgendwie nicht, also geht man schnell hin und war demokratisch.

Es geht im Roman auch darum: Welche Infos gibt es noch, welche Klammer kann ich noch öffnen. Das große Ausstellen dieser einen Klammer referiert auf alle Klammern, die nicht geöffnet sind. Natürlich lässt sich über Heinz Steyer eine gigantische Geschichte erzählen oder jede weitere Figur. Manche Nebenfiguren kriegen ja nochmal so eine Story und die lassen sich über jede Figur, über dich und mich erzählen. Bis zu dem Punkt, an dem wir hier sitzen haben eigentlich wahnsinnig viele Entscheidungen geführt und wenn wir die wüssten, würden wir vielleicht liebevoller oder gemeiner miteinander umgehen oder könnten uns mehr erkennen, in dem, was wir sind. Wir haben diese Infos nicht, aber theoretisch sind sie da und auf eine Art auch abrufbar, wenn man da Arbeit reinstecken möchte.

Das repräsentiert für mich diese Klammer und ich würde jeden dazu aufrufen Klammern zu öffnen. Das impliziert auch der Roman, weil man irgendwann checkt, dass da einige Infos einfach falsch sind. Sie haben eine Hoffnung: Dass Leute damit anfangen, sich mit den Themen zu beschäftigen, die da angesprochen werden und ins Blinde rein recherchieren. Die fragen, was hinter der Problematik sein könnte und welche Klammer man im Digitalen selber öffnen könnte und etwas reinschreibt.

Das würde ich total schön finden, wenn es da so ein Forum gibt. Manchmal gibt es Bücher, aus denen  Forengeschaffen werden, das ist voll geil. Das merkt man wenn man Foster Wallace oder Pynchon liest oder bei „Ein bisschen Leben“ war das auch so. Vor allem bei US-Amerikanische Autoren entstehen so Foren, wo alles analysiert wird. So was finde ich total wünschenswert und schön. Sich selbst über die Lektüre hinaus, nicht mal mit der Lektüre oder dem Thema eine Beschäftigung entsteht, ein Selbstabgleichen oder neuem Finden von Informationen und wirklich auch Empfinden und nicht nur Finden, ein Sich-selber-aneignen.

Feministischer Terror

Um einmal auf die Haupthandlung des Romans zu sprechen zu kommen: Iselin gründet mit zwei anderen so eine Aktionisten-/Terrorgruppe, die sich für mehr Recht für Prostituierte in Norwegen einsetzt. Warum dieses Thema. Das wirkt sehr gesellschaftspolitisch, weil es auch noch gar nicht so lange her ist, dass das in Deutschland diskutiert wurde.

Ich wollte etwas parallel zu der RAF-Geschichte erzählen, was nicht die RAF-Geschichte ist. Ich habe mir dann gedacht, welche Themen gibt es für eine feministische, radikalisierte linke Terrorzelle. Das Thema Prostitution lag da für mich irgendwie nahe oder ist sicherlich ein Kampf- oder Streitthema.

Tatsächlich war das in Norwegen damals einfach der Fall: Dass es strafbar für Prostituierte war aber nicht für Freier. Das finde ich nach wie vor sowohl skandalös wie wahnsinnig interessant. Es ist aber auch offenbarend, was diese Entscheidung bedeutet, wen man kriminalisiert und wen nicht. Dann war das relativ klar, einen Fokus herzustellen, der nicht einen Angestellten der Deutschen Bank ikonisiert. So wird nicht nur der Name der Deutschen Bank in die deutsche Geschichte eingebrannt, sondern anderen Gruppen ein Gesicht geben, wobei die Aktionisten selbst ihre Gesichter verstecken. Man kann die Aktion diskursiv auch sehr problematisch sehen, weil die sich auf eine Art auch gegen sich selbst richten und genauso sexistisch da vorgehen. Es ist auch nicht alles koscher, was die da machen. Aber so hat sich das für mich entwickelt.

Theater lesen

Die Kapitel sind oft recht kurz, fast schon schlaglichtartig und eher wie kurze Szenen. Auch insgesamt klingt der Roman für mich nach Theater. Wie sehr hat denn da die Erfahrung aus dem Theater beim Schreiben geholfen?

Der primäre Unterschied zwischen einem Theatertext und einem Prosatext ist der, dass der eine gesprochen wird und der andere nicht. Es könnte aber schon sein, dass mir so ein gewisser Sound oder Rhythmus wichtig ist, was sich gut liest und gut anhört. Wobei ich im Theater immer noch anders schreiben würde, als in der Prosa.

Ich habe neulich irgendwo gelesen, in Bezug auf den Roman von Sasha Marianne Salzmann, die vorher auch viel Dramatik gemacht hat, dass es im Theater noch viel verbreiteter den Hang zur Avantgarde gibt, zu postdramatischen Strukturen. Es gibt auch echt viele Texte, die ich kenne, die so ausgeflippt sind und textflächig und so weiter. Das ist in der Prosa nicht so der Fall. Ich glaube, ich teile mit Sasha die Erfahrung, dass wir beide nicht von der Prosa in die Prosa gekommen sind. Ich habe wahnsinnig wenig zeitgenössische Belletristik gelesen, bis ich „Alff“ geschrieben habe und erst danach – auch eher über Lesungen – habe ich mitbekommen, was Leute so in der Prosa machen.

Ich dachte immer, dass sich der Sound, den ich schreibe, sowieso aus der Geschichte der Moderne und Avantgarde ergibt; bei Eich, Wolff, Proust, Fichte oder Handke oder Götz oder so. Ich dachte, es wäre normal so zu schreiben oder dass es eine zwingende Bewegung ist. Doch dann wird es anders aufgefasst. Da gibt es Rezensionen von Sashas Roman oder Leute, die nicht wissen, worum es geht und das ist für mich völlig unverständlich. Weil ich es so klar und deutlich sehe, weil ich die Form so bereitwillig annehme und mag und intuitiv richtig finde, so zu schreiben. Vielleicht ist das im Theater als kleinerer Raum, als subventionierter Raum noch selbstverständlicher, den Hang zu avantgardistischen Formen hinzunehmen und sich da zu probieren.

Jetzt hast du gerade schon gesagt, du hast gar nicht so viel Prosa gelesen, ich gehe jetzt einfach davon aus, dass du stattdessen viel Theater gelesen hast. Kann man das, obwohl es eigentlich gesprochener Text ist?

Man kann das schon machen, aber so richtig. Nur um das noch richtig zu stellen: Ich habe wenig zeitgenössische Prosa gelesen, sondern eher so anderen Kram. Ich persönlich würde es nicht so richtig empfehlen.

Die faktische Schwierigkeit ist es, die Figurennamen ernst zu nehmen. Es passiert mir immer, wenn ich Dramatik lese, dass ich nur die Repliken lese. Ich lese es wie einen Fließtext und es ist mir nicht verständlich, dass es keiner ist. Eigentlich müsste man lesen: „Meike sagt: ‚Oh, wie schön ist der Baum.‘ Darauf sagt Tobi: ‚Aber Häuser sind auch nicht schlecht.‘“ Die normale Leseerfahrung ist. „Oh, wie schön ist der Baum. – Aber Häuser sind auch nicht schlecht.“ Das ist auch okay. Aber die eigentliche Vorstellung, dass es sich um zwei verschiedene Menschen handelt, die sich in einer Situation miteinander verhalten (in einem klassischen Stück, muss man dazu sagen), ist schwer selber herzustellen. Deswegen kann es mühselig sein. Aber wenn man diese Fähigkeit beherrscht, macht es sicherlich auch Spaß.

Wir müssen trauern

Kommen wir vom Exkurs wieder zum Zentrum des Buches: da geht es um Schrecken und Gewalt, die sich auch immer fortsetzen. Es geht darum, dass die alles handeln bestimmt und das wieder zu neuer Gewalt führt. Was wäre denn ein guter Umgang mit Gewalt und Schrecken?

Ich glaube, im Endeffekt ist Trauerarbeit der zentrale Umgang. Das fehlt zum Teil oder ist nicht möglich. Es gibt Hinnahme oder man kann Dinge ignorieren. Wir ignorieren auch täglich Sachen, die schießen an einem vorbei und die Abgestumpftheit nimmt gefühlt zu. Auch durch die Masse, auch durch eine immer zynisch werdender Linke, aber sicher auch durch die Masse an Details, die leichter und schneller zugänglich sind, unter der man Angst hat begraben zu werden, gegen die man Angst hat nicht anzukommen. Wahl ist da so eine Art von Kontrolle, wann will ich mich welchen Dingen stellen und kann ich mich gewissen Dingen stellen oder nicht. Dann bin ich fähig dazu, Trauerarbeit zu leisten.

Das Buch berichtet auch von Depression, man kann auch einen depressiven Erzähler erkennen, in dem Wegschalten, dem Umschalten, in dem Verbessern, dem Umbessern. Die Depression ist ja auch die Nicht-Fähigkeit von Trauer – Nicht traurig sein zu können, ist der depressive Zustand. Das hinkt natürlich vorne und hinten, aber wenn man das auf gesellschaftspolitische Prozesse übertragen möchte: Wenn wir anfangen, Trauerarbeit zu leisten mit den Dingen, die uns umgeben, verfallen wir auch nicht in eine Art von Depression, aus der Wut, Verdruss Engstirnigkeit als Folge entstehen können.

Ich finde: Nein, die Shoa ist noch nicht aufgearbeitet! Nein, die NS-Vergangenheit ist noch nicht aufgearbeitet. Nach wie vor saßen NS-Funktionäre in Konzernen, Parteien und machten ihren Kram. Wenn die Quandt-Familie über sechzig Jahre braucht, um ein kleines Dankeschön an ihre KZ-Mitarbeiter zu geben, heißt es, dass wir noch nicht an dem Punkt sind, diese Geschichte komplett überkommen zu haben, wo wir diese Trauer noch nicht gezeigt haben. Daran gibt es noch zu arbeiten: Wie geht man mit dem Tod um, wie mit Verletzen und Verletzt werden. Das ist auch schwierig. (Die christliche Kultur ist da auch nicht die beste, muss man mal sagen… usw.)

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten, Matthes und Seitz, 340 Seiten

Thilo

Thilo

Freier Journalist und Blogger at schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
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    Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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