Immer noch Drama im Kopf

Es war der letzte Tag, an dem die Schüler ihre Texte präsentieren konnten. Das Schauspiel Leipzig hat für drei Tage jeweils vier Studierende von von sechs Schreibschulen eingeladen, um beim Festival ‘4+1‘ ihre Textarbeiten vorzustellen. Zu Runde 5 und 6 gab es sogar nochmal ein extra.

Am Morgen hat die Gruppe eurodram ihre Arbeit vorgestellt. In ganz Europa wählen verschiedene Kommitees Stücke aus, um dann ihre Verbreitung in Europa voranzubringen, entweder durch die Übersetzung in andere Sprachen oder indem sie die Aufführung bereits übersetzter Stücke ermöglichen. Dieses Jahr hat jedes Sprachkommitee drei Stücke der eigenen Sprache ausgewählt, um sie übersetzen zu lassen. Sie haben sie beim Festival vorgestellt:

  1. Eine Figur versucht dem Engagement für Flüchtlinge auf dem Grund zu kommen, immer mit der Frage, was soll der Mensch tun und im Hintergrund sitzt die Staatsgewalt. Sehr dokumentarisch.
  2. Vier Frauen an der Grenze der DDR ziehen ins andere Deutschland und erinnern sich dabei an das Leben im “Dunkeldeutschland”, wobei sich der Dialog immer wieder verschiebt.
  3. Die Frage nach der Menschlichkeit: Ein Mann der Jahrelang im einsamen Weiß des Nordens forschte und Kinder die ihre Körper optimieren und ihr Leben digitalisieren.

Nach einer Pause gab es dann die offiziell fünfte Lesung vom uniT Graz. Das ist ein ganz besonderes Seminar, das Schreibende bei ihrer Entwicklung des Dramatischen unterstützt, indem es sie beispielsweise mit Regisseuren und Schauspielern zusammenbringt. Ihre Texte sind deswegen schon sehr ausgefeilt.

  1. Wieder ein bisschen Western: in einem Saloon unterhalten Mädchen Goldschürfer. Doch die Ankunft eines neuen Glückssucher bringt die Welt durcheinander, stellt alles infrage und wird existenziell.
  2. Eine ganz absurde Figurenkonstellation: ein Gespräch zwischen E und Fisch. Diese Absurdität besitzt natürlich viel Witz, vor allem weil der Fisch so schön menschlich ist. (Außerdem großartig gelesen von den Schauspielern.)
  3. Auch mal Tagesaktuell: Das Verschwinden eines Heimbewohners lässt die anderen in Verwirrung zurück. Sie befragen ihre Beziehungen in Dialogen und ihren Platz in der Welt in lyrischen Monologen.
  4. Noch absurder: Zwei Menschen (egal ob Mann oder Frau, oder alt oder jung) versuchen in einem Ort abseits der Welt mit einandern zurecht zukommen. Die einzige Beschäftigung, die sie haben, ist eine Waschmaschine.

Zum Schluss hieß es “Heimspiel”: Das Literaturinstitut aus Leipzig macht den Abschluss des Festivals. Die Zugänge und Themen sind sehr unterschiedlich, aber es wird sehr viel Wert auf Sprache und Figuren gelegt. und das waren die letzten vier Texte:

  1. Der Monolog eines Bauarbeiters, der seine Ziele hinterfragt, denn sein Haus ist kaputt und dafür hat er doch gearbeitet. In der Darbietung erstaunlich kraftvoll, vor allem durch sehr genaue Sprache.
  2. Zwei Engel schweben da über der Erde und überlegen, wie sie die Botschaft überbringen sollen – wunderbar vermenschlicht und runtergebrochen. Doch das ist nicht alles, schlaglichtartig tauchen da immer wieder Szenen aus dem Leben auf. Gut gemacht, aber vielleicht etwas zu viel für das erste Drama.
  3. Ein Ort, der nicht mehr unserer ist. Dort unterhält sich die Familie und sammelt Schiefer, versucht zu überleben und sich zu verstehen. Sehr lyrisch, teilweise in den Gedanken etwas sperrig.
  4. Eine Persiflage auf die moderne Suche nach der Liebe. Auf einer Messe dürfen sie sich Liebe suchen und dabei über moderne Beziehungen diskutieren. Die Übertreibung hat viel Witz, trifft aber sehr gut.

So nun wäre es Zeit für ein kleines Fazit. Was sich den Texten nachsagen lässt, dass sie alle sehr aktuell sind, aber dabei nicht tagespolitisch. Sie bleiben auch oft eher unkonkret, sondern versuchen wieder Situationen einzufangen. Sehr auffälltig ist auch dier Wille zur beobachtung, denn viele beschreiben Orte, Menschen und Situationen, die nicht ihre eigenen sind, wie zum Beispiel eine ältere Generation, auch wenn das nicht immer ganz überzeugend wirkt. Es waren viele unglaublich spannende Ansätze dabei und alle waren auf einem sehr hohen Niveau. Dennoch, gerade im Verlgeich zu Texten, die näher an einer Aufführung stehen, zeigen sich noch kleine Unreinheiten: Vielleicht ist da eine Szene noch zu Ausufernd, vielleicht ist die Zielführung noch nicht ganz klar. Da kann noch viel geschliffen werden, aber es ist auch erst ein Anfang.

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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