Für alles gut

Papier macht es möglich Gedanken anzufassen. Es ist ein so seltsamer Stoff, auf dem sich alles abbilden lässt. Erst diese großartige Erfindung sorgt hier für die Inhalte. Die Deutsche Nationalbibliothek zu Leipzig widmet der Geschichte und der Bedeutung dieses Materials eine Sonderausstellung. In “Bahnriss” habe ich Papier gesehen, gehört und gefühlt.

Eine Papiermanufaktur

Die Bürokratie könne nur so lange bestehen, wie es Papier gibt. Danach würde das Chaos folgen, meinen die Figuren in Illuminatus! von Robert Wilson und Robert Shea. Inzwischen sind wir uns ziemlich sicher, dass das kein Grund wäre. Erstens scheint Papier unendlich wiederherstellbar zu werden, aber vor allem brauchen wir kaum noch Papier. Alles was wir früher auf Papier brachten, machen wir heute digital. Diese grundlegender Wandel nahm die Deutsche Nationalbibliothek als Anlass für die Ausstellung “Bahnriss”.

Beim ersten Lesen hat mich dieser merkwürdige Titel verwirrt, weil er doch irgendwie mehr nach Zügen, als nach papierner Kulturgeschichte klingt – “Bahnriss”. Doch gleich beim Betreten der Ausstellung werde ich aufgeklärt: Gedruckt wurde von langen aufgerollten Papierbahnen und wenn die riss, wurde laut ‘Bahnriss!’ geschrien. Dann wurden sofort alle Maschinen gestoppt, der Müll beseitigt und die Produktion erst anschließend wieder mühevoll aufgenommen. Abseits dieser eigentlichen Bedeutung spüren die Ausstellungsmacher aber noch einen anderen Riss, nämlich dass das Papier seinen kulturellen Wert verliert und demnächst lediglich als Verpackung für Computer dient.

Rechnungsbuch

So lässt sich ihre Ausstellung als Ode an das Papier lesen. Am Anfang steht da die Produktion vom handgeschöpften bis hin zum industriell gefertigten Papier. Dafür hängen Urkunden und Risszeichnungen an den Wänden, in Schubladen finden sich Bücher über Papierherstellung, unter anderem mit Pflanzen oder Wespen. Dazwischen stehen Werkzeuge, wie Tröge oder Prägewalzen, und auch ein wunderbares Modell einer alten Papiermühle.

Japanisches Unterkleid aus Papier

Mir wird vor Augen geführt, was alles mit Papier möglich ist. Es wird geprägt, normiert und kategorisiert. Es wird zum Wertgegenstand, es wird zum Gedankenträger und Denkbild. Es dient als Kleidung, als Tragetasche, als religiöses Kultobjekt, Hygieneprodukt und als Schmuckobjekt. Es wird gezeigt, was für einen Wandel das Papier gebracht hat: denn es bot die Möglichkeit Gedanken festzuhalten, alles genau zu notieren, die Welt wieder flach zu machen.

Besonders begeistert bin ich davon, dass es mehr gibt, als den Blick in die Vitrine. Da steht eine Schreibmaschine, auf der ich einfach mal so rumtippe (durfte ich das?) und zahlreiche Papiermuster zum Anfassen. Ganz zum Schluss – wie ein zweischneidiger Gedanke – liegen da zwei Tablets und führen den Gedanken dieser Ausstellung vor Augen ohne ihn aussprechen zu müssen. Natürlich ist dieses Gerät viel praktischer, denn hier passt alles rein, obwohl es so wenig braucht. Aber es fässt sich auch nicht so spannend an.

Der Ausstellungsraum ist klein und langweilt nicht, gerade weil alles so konzentriert ist. Allerdings erscheint er mir oberflächlich. Die Ausstellung wird eröffnet mit der Frage, welche kulturelle Bedeutung Papier noch haben kann, wenn es nur noch als Verpackung dient, doch die Ausstellung selbst hat diese Frage nicht verinnerlicht. Statt die Historie der Produktion so auszuweiten, hätte ich es spannend gefunden, Papier als 3D-Kunst zu zeigen oder als Gedankenträger (wie Bücher oder Flugblätter). Aber das hätte vielleicht auch wieder den Rahmen gesprengt. Ihr Hauptanliegen hat die Ausstellung jedoch erreicht: Sie bietet jede Menge kleine Neuigkeiten und wirft einen Blick zwischen die Zeilen: auf das pure Papier.

Die Ausstellung “Bahnriss?! Papier │ Kultur” ist noch bis zum 2. Oktober 2016 im Deutschen Schrift- und Buchmuseum der Deutschen Nationalbibliothek zu sehen.

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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