Festgesetzt in der Mulde

Mit ihrem ersten Theatertext „die hockenden“ hat die Autorin Miroslava Svolikova gleich den Retzhofer Dramapreis gewonnen. Nicht alleine aber immerhin. Und ihr Text scheint auch mehr Aufmerksamkeit zu erregen, denn er wird gleich zweimal „uraufgeführt“ – in Wien und in Leipzig. Das Stück wurde auch abgedruckt und wir haben es gelesen. Hier eine Szene zum Stück.

Ein Wohnzimmer. Helles Licht (denn da fühlt sich jeder gleich besser) kommt durch das Fenster. Im Hintergrund stehen Bücherschränke. A sitzt an einem runden Tisch, B hantiert in der Küche herum.

B: Willst du auch einen Kaffee?

A: Lieber ´nen Tee, wenn’s geht.

B: Schwarz?

A: Nee, Tee.

B: Ich meine doch, ob schwarzer Tee in Ordnung wäre? (Kein gutes Zeichen, wenn man über den eigenen Witz lacht, Anm. d. Autoren.)

A: Achso. Ja.

B: Mit Zucker?

A: Nein, danke. Pur.

B kommt mit zwei Tassen und setzt sich laut ausatmend.

B: Und? Wie fandest Du das Stück.

A (nimmt einen Schluck Tee): Ich fand es ja etwas schwer das zu lesen. (B schaut fragend) wegen dem Satz.

hockenden

A: Es fällt mir dann immer etwas schwer den Überblick zu behalten. Habe es dann auch erst mit dieser Aufnahme einer Lesung geschafft.

B: Hmm, das geht dann aber auch schnell weg, immerhin fließt der Text ja sehr gut.

A: ja das stimmt, ist ja auch recht übersichtlich, das Personal. Aber es irgendwie ist es doch auch unnötig. Ich mein, es ist ja nicht so wie bei Wolfram Höll, der den Text halt so komponiert. Bei dem sich die Texte dann aber auch überschneiden.

B: Das stimmt. Aber dafür hat Svolikovas Text etwas Szenisches, also ich wirklich so wie er auf dem Blatt steht. Man sieht richtig, wie jeder in seiner Ecke sitzt, oder besser: hockt. Die unterhalten sich ja gar nicht. Bleiben in ihren Grüppchen und schreien sich höchstens mal was zu. Bietet auch viel für die Inszenierung.

A: ja, das auf jeden Fall. In Wien hat’s jetzt glaub ich niemanden vom Hocker gerissen. Da bin ich schon etwas gespannt wie das in Leipzig ist. Aber der Text macht es auch nicht leicht.

B: Du meinst weil es so statisch ist?

A: Ja, also … es passiert ja nichts. Die reden nur und tun nichts. Was ja okay ist, aber es ändert sich auch nichts. (B schaut etwas unverständlich) Was ich meine: Sie tun nichts, sie reden übers Nichtstun und in ihnen tut sich auch nichts. Was soll man da auf der Bühne noch machen?

B: Aber darum geht es ja irgendwie.

A: ums Nichtstun?

B: Naja, eher ums verharren. Die Autorin arbeitet mit Wiederholung. Sowohl mit dem Gedanken, dass sich alles wiederholt. Als auch mit dem Gedanken, dass die sich in dieser Wiederholung so ausruhen, oder sogar festkrallen.

A: (etwas zweifelnd) Hmm.

B: nicht so, dass die immer alles gleich machen wollen. Festkrallen ist auch nicht das richtige Wort. Hocken ist schon gut. Sie lassen wiederholen, oder sich da so richtig rauszubewegen. Die warten auf etwas, machen dieses Etwas aber nicht.

A: (zustimmender) hmm, das ist dann wohl die Aussage des Textes.

B: Ja und das spiegelt sich vor allem in der Sprache…

A: (unterbrechend) und gegebenenfalls in der Inszenierung.

B: … wie die sich dreht und wendet in den Wiederholungen. Und dabei auch wirklich flüssig bleibt. Sich auch gut in den Schauspieler eingräbt. Also das ist ein Text, den man sprechen muss oder nicht?

(A zuckt mit den Schultern und nickt)

wer weiß aus was für einem boden man da wächst, oder was das für eine erde ist, in der wir da stehn, oder kennt schon den grund, den grund für oder von oder gegen irgendwas.

B: Der Text fließt schon und unterbricht sich auch.

A: ja das stimmt. Hat auch Witz, irgendwie. Also es fängt die Stimmung einer Kneipe, so wie man sie sich vorstellt schon ein. Wie sie da sitzen und sich rüberrufen. „Aber ich weiß es besser“.

B: Vor allem sagt das immer die Gruppe, die als „die anderen“ betitelt ist. Also die von außen kommen und sich einmischen.

A: aber lustigerweise, klingt zumindest so, auch gar nicht von weit her kommen. Also so richtig klar, wer die jetzt sind, ist mir nicht.

B: Darum geht es ja auch gar nicht. Das sind einfach zwei Gruppen. Die einen so und die anderen so. Die sich immer wieder unter einander Sachen erzählen, aber so, dass alle es hören. Also Kommunikation ohne Dialog. Das reibt richtig.

A: macht auch das lesen wieder nicht leichter.

B: Man muss das einfach akzeptieren, dass das so ist, sich so ein bisschen mit dieser Szene vertraut machen. Und sich konzentrieren, also auf keinen Fall ein Text, der sich so nebenbei liest.

A: Am besten auch in einem Zug.

B: und auch spannende Bilder. Ein bisschen fragwürdig, ob die auf der Bühne so richtig rüberkommen, aber die lösen was aus.

man spürt fast schon, dass es keimt, wenn man da so sitzt.

es keimt einem fast schon von unten hinein, wenn man da so in der mulde und auf der eigenen hoffnung drauf sitzt. (kursiv gesetztes wird im Chor gesprochen, Anm. d. Autoren)

wenn man da wirklich lange so in der mulde drinsitzt, dann keimt einem die hoffnung von unten und in einen fast schon hinein.

wir sitzen gerne da.

wir sitzen sehr gerne hier.

Wir sitzen hier gern.

A: Aber so großartig neu ist das alles trotzdem nicht: Die Wortspielereien kennen wir, diese Art den Text zu formatieren, diese Annäherung an das Dorf.

B: Geht es wirklich ums Dorf? Es geht eher um das Dorf in uns, also auch etwas sehr Menschliches. Und sie beherrscht ihr Handwerk: Flüssiger Text und ein bisschen Witz.

A: Stimmt schon. Aber was sagen wir jetzt? Die Leser wollen ja eine klare Meinung hören.

B: mhm. Es ist ein gut gemachter Text in einer spannenden Form, das ein relevantes Thema behandelt – nämlich die ständige Wiederholung.

A: In den man aber erstmal reinkommen muss. Und so einen richtigen Wow-Moment hat er auch nicht. Es fehlt irgendwie das große Gefühl.

B: Das würde dem Inhalt ja auch zuwiderlaufen, wenn es um die stupide Wiederholung geht. Ein schöner Text, der auch ein wenig Überwindung kostet, aber viel Anreiz für die Bühne enthält.

Abblende

Telefonklingeln. Dann das Piepen eines Anrufbeantworters oder was es so gibt.

A: Äh hi, ich bin’s. Also ich war jetzt in der Inszenierung und da habe ich doch nochmal einiges erkannt, das wollte ich dir nur noch mal schnell sagen. Also hauptsächlich eins: Das ist halt ein Text für die Bühne. Also die stehen da auf der Bühne und reden diesen Text, der sich so flüssig spricht, aber man nicht weiß, was der einem sagen soll. Aber das ist es ja: er sagt ja gar nichts, das sagen die ja selbst die ganze Zeit. Naja, und das wird dir am besten klar, wenn da ein Körper ist, der diesen Text spricht. Du schaust dir diesen Körper beim Reden an und merkst, dass du gar nicht auf den Inhalt achtest. Das ist die Qualität von diesem Text. Das wollte ich dir nur noch mal schnell sagen.

Miroslava Svolikova: die hockenden, erschienen in: kolik – Zeitschrift für Literatur

Thilo

Freier Journalist und Blogger at schraeglesen
Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt.

Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch).

Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur,Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de
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