Der Stammbaum eines Genies

Buch 3 unseres #dicestory Gewinnspiels: Der Portugiese João Ricardo Pedro hat sich nach dem Verlust seines Jobs entschlossen, etwas ganz anderes zu tun: zu schreiben. Entstanden ist mit “Wohin der Wind uns weht” ein Familienroman im ganz besonderem Stil.



Twitter-Rezi: 

Pedro: Wohin der Wind uns weht @suhrkamp.Familiengeschichten aus Portugal.Vereinzelte Erinnerungen des Musikwunderkinds.Poetisch komponiert.


Ärzte, Soldaten, Mütter und Klaviervirtuosen – das ist die Familie Mendes in einem kleinen Dorf in Portugal. Ihre Geschichte und Geschichten erzählt João Ricardo Pedro in seinem Debütroman “Wohin der Wind uns weht”. Er berichtet vom Großvater, der als Arzt vielen Menschen geholfen hat. Opa Augusto Mendes wiederum erzählt immer wieder von seinem Freund Policarpo, der durch die Welt reist und von überall Briefe schickt. Sohn Antonio Mendes musste zweimal als Soldat nach Angola – dort vergaß er beinahe seine Familie. Im Zentrum der Geschichte steht allerdings der jüngste Spross der Familie: Duarte. Auch er lebt in dem Dorf, das von seiner Familiengeschichte geprägt ist. Bei ihm laufen alle Erzählungen zusammen und bilden weitere Geschichten: Denn Duarte ist ein besonderes Kind, das schon ein Talent für das Klavierspielen hatte, bevor es überhaupt ein Instrument besaß.

Es bedurfte einer Neun-Volt-Batterie, damit aus dem Lautsprecher der elektrischen Orgel ein Ton kam … Merkwürdigerweise schien Duarte diese offensichtliche Widrigkeit nichts auszumachen. Geräuschlos glitten seine Finger über die Tasten, mal in sehnsuchtsvollen Adagios, mal in schnellen Vier- und sechzehntelnoten, ganz nach Vorgaben der Partitur, die nur Duarte zu kennen schien.

Auf sehr merkwürdige und poetische Weise schreibt Pedro seinen Familienroman. Die einzelnen Anekdoten stehen anfangs immer losgelöst für sich, der Leser kann kaum erkennen, wer hier wem etwas erzählt. Ganz unvermittelt kehrt er am Ende in die Gegenwart Duartes zurück. Erst langsam ergeben sich im Lauf des Buches Zusammenhänge zwischen den einzelnen Abschnitten – aber unklar bleibt dennoch einiges. Im Gegensatz zu anderen Familienromanen scheint Pedro nicht darauf bedacht zu sein, eine große Chronik zu erfinden: So finden sich einige Lücken in der Geschichte. Doch vielleicht kann das gar nicht anders sein: Keiner sucht nach der Chronik. Pedro zeigt vielmehr wie Geschichten zusammenlaufen und wie die Leben der einzelnen Familienmitglieder zusammengehören. Dabei verbindet er sehr alltägliche oder auch alberne Erlebnisse mit dramatischen Ereignissen.



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Joseph, Geboren am dritten August Neunzehnhundertvierundzwanzig (1924), Gestorben am ersten September Neunzehnhundertneununddreißig (1939). Der Fourier António Mendes las die Inschrift laut vor, drehte sich zum Soldaten Jacinto Marta um und sagte ihm, Auge in Auge, als verriete er ihm ein Geheimnis, dass der Kater Joseph genau an dem Tag gestorben sei, an dem er selbst geboren wurde.

Immer öfter finden sich die Figuren des Romans in größeren Komplexen wieder. Eine verkrüppelte Frau ist in einem Gemälde Brüghels zu sehen, das auch Duarte wieder begegnen wird. Duarte wiederum baut eine ganz merkwürde Beziehung zu seinen Komponisten auf, die er lange Zeit spielt. Irgendwann verachtet er sie, nur um schließlich selbst zur Musik zu werden. Pedro beschreibt auf fast philosophische Weise das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umwelt. Er zeigt auch die Brüchigkeit der Wahrheit, die sich oft in dem nicht-mehr-erzählten finden lässt – der Leser bleibt im Ungewissen. Der Autor schlägt einen ganz besonderen Ton an: Er wechselt oft das Tempo, mal sind es lange Sätze, mal schnelle Aufzählungen, manchmal auch einfache Rezepte. Einige Kapitel gleichem eher einem Theaterstück, andere mehr einem Epos.

Er empfand keinerlei Übereinstimmung zwischen dem, was er hörte und dem, was er spielte. Nichts klang für ihn vertraut. Und das was Duarte hörte, hätte nicht erschreckender sein können, es war als tauchte er ein in einen unwirtlichen Ort. Einen eisigen Ort. Und inmitten dieser Ödnis spürte er eine menschliche Präsenz. Ein grenzenloses Leid. Jemanden, der ihn überrumpeln, vielleicht von hinten packen oder ihn von weitem zuwinken  und mit einer zutiefst traurigen Stimmt sagen würde: „Endlich bist du gekommen.

“Wohin der Wind uns weht” ist ein besonderes Debüt. Pedro hat eine eigene Art gefunden, seine Familiengeschichte zu schreiben. Er schafft eine seltsame Verbindung von Kunst zum Leben und verbindet persönliche Geschichte mit Landesgeschichte. Mit einem einfühlsamen Schreibstil nähert er sich Schritt für Schritt seinen Charakteren. Der merkwürdige Ton erschwert allerdings vor allem in der ersten Hälfte einen einfachen Lesefluss. Und weil Pedro so stückhaft erzählt, kann der Leser sich nur schwer in die Geschichte fallen lassen. Doch je mehr der Leser die Charaktere kennen lernt, desto näher kommen sie ihm und so gehen die einzelnen Geschichten eine wunderbare Beziehung ein. Gerade das stückhafte Erzählen lässt den Leser anders auf die Welt blicken. Er lernt die die Beziehungen zu sehen, die in der Welt und zwischen den Menschen bestehen – im Kleinen wie im Großen.

João Ricardo Pedro: Wohind der Wind uns weht. Suhrkamp, 229 Seiten, 10€

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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