Auf verschlungenen Pfaden Teil 1: Ein Porträt des Autors Italo Calvino

Immer wieder ist mir Italo Calvino begegnet: als Autor vielschichtiger, sich immer wieder spiegelnder Geschichten, die über das Literatursein selbst nachdenken; als Autor der Symbole, der tieferen Wahrheit; als Autor der auflösenden Formen, der die Geschichte von Kartenspielen schreiben lässt und lieber zehn Romananfänge schreibt als ein Ende. Am 19. September 1985 ist er gestorben und hatte bereits seinen Blick in das nächste Jahrtausend geworfen. Vier Jahre nach seinem Tod geboren habe ich versucht zu schauen, was ihn ausgemacht hat.

“Gleich wirst du den unverwechselbaren Ton dieses Autors wiedererkennen. Nein. Nein, du erkennst ihn nicht wieder. Aber wer sagt denn auch, wenn man’s recht bedenkt, dass dieser Autor einen unverwechselbaren Ton hätte? Im Gegenteil, weiß man doch, dass er sich von Buch zu Buch sehr verändert. Und gerade an dieser Veränderung erkennt man ihn.” – aus: “Wenn ein Reisender in einer Winternacht”

So leitet Calvino seinen letzten zu Lebzeiten erschienen Roman “Wenn ein Reisender in einer Winternacht” ein. Natürlich sagt er das mit einem Augenzwinkern, denn es ist ein Roman der Stilkopie, aber dennoch: Was zeichnet diesen Autoren aus, was hält sein Werk zusammen? Grob gesagt ist es die Suche – nach Wahrheit, nach Form, nach Erzählung.

Ein literarischer Wissenschaftler

Gerade die Suche nach Wahrheit entstammt wohl auch seinem Elternhaus: Am 15. Oktober 1923 wurde Italo Calvino als Sohn einer Botanikerin und eines Agrarwissenschaftlers geboren. Auch Calvino begann zunächst Agrarwissenschaften zu studieren, wandte sich aber bald der Literatur zu. Der Gedanke der Naturwissenschaften ist jedoch in seinem Werk geblieben. So etwa in Calvinos Kurzgeschichtensammlung “Cosmicomics”, die er 1965 verfasste und 1984 erweiterte. Darin lässt er seinen übermenschlichen Protagonisten Qfwfq anhand von wissenschaftlichen Fakten die Welt erzählen. Zum Beispiel von der ersten Liebe und dem Erscheinen der ersten Farben.

“Bevor die Erde sich ihre Atmosphäre und ihre Ozeane ausgebildet hatte, muss sie wie ein grauer, im Raum rotierender Ball ausgesehen haben. Ein bisschen eintönig war es schon – bestätigte Qfwfq -, aber geruhsam. Ich konnte Meilen um Meilen im Rekordtempo laufen, wie man es kann, wenn einem keine Luft im Weg ist, und sah nicht als Grau in Grau.” – aus: “Alle Cosmisomics”

Die “Cosmicomics” lassen sich zugleich als Versuch lesen, eine gefühlt graue Welt zu verlassen. Denn Calvino war auch ein politischer Autor, der sich u. a. mit dem italienischen Faschismus auseinander- und widersetzte. Als 20-jähriger trat er der Kommunistischen Partei bei, weil er hier den erfolgreichsten antifaschistischen Widerstand sah. Doch während der Kalte Krieg sich weiter zuspitzte, entfernte sich Calvino von der Kommunistischen Partei, aus der er 1957 austrat.

Der Geschichtensammler

Im gleichen Jahr erschien auch sein Roman “Der Baron auf dem Bäumen”, in dem er von einem Baron erzählt, der beschließt auf einem Baum zu leben. Die meisten seiner Romane und Erzählungen besitzen etwas Phantastisches und Märchenhaftes, geprägt durch Lehrmeister wie Jorge Luis Borges. Dabei gab es vermutlich ein Wechselspiel mit Volksmärchen, um die sich Calvino stark verdient gemacht hatte. Denn was die Grimms für das deutsche Volksmärchen bedeuten, das war der Sammler und Sucher Calvino für das italienische Märchen. Calvino war nämlich nicht nur Schriftsteller sondern auch selbst begeisteter Leser, der in seinen Romanen über das Lesen schreibt und in Essays und Vorträgen immer begeistert über verschiedene Lektüren erzählt.

“Wie viele Odysseen enthält die Odyssee? Zu Beginn der Dichtung ist die Telemachie eine Suche nach einer Erzählung, die es nicht gibt, nach einer Erzählung, die die Odyssee sein wird. Der Hofsänger von Ithaka kennt bereits die “nostoi” der anderen Helden; es fehlt ihm nur eine, die seines Königs.” – Aus: “Die Odysseen in der Odyssee”

Aus diesen Lektüren und seinem eigenen Schaffen heraus, arbeitete er in seinem letzten Lebensjahr an der Vorlesungsreihe “Sechs Vorschläge für die Zukunft”, die er als Dozent an der Harvard-University geben wollte. Darin wollte er festhalten, welche Errungenschaften der vergangenen Literatur mit in das nächste Jahrtausend genommen werden sollte. Besonders die letzte (fertiggestellte, denn Calvino starb, bevor er die die sechste und eigentlich abschließende Norton lecture verfassen konnte) sticht heraus: Er spricht hier von Vielschichtigkeit, von dem Roman als einem hochkomplexen, vernetzt labyrinthischem Gebilde zum Erkenntnisgewinn. Und Calvino wollte es noch weiter treiben –  in der Form des Hyperromans. Hier wollte er dieser Vielschichtigkeit und vor allem dieser Verzweigung noch mehr Raum geben. Davon ist auch sein Spätwerk gekennzeichnet.

Thilo
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Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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