Achtung, Ansteckungsgefahr!

Eigentlich ist er ganz normaler Text. Er gibt keine optischen oder graphischen Spielereien. Er fasst sich nicht anders an und man muss auch nichts mit ihm machen, um ihn lesen zu können. Aber der Essay „Teufelsköder“ von Leslie Jamison macht etwas mit dem Leser, jagt ihm ein Kribbeln durch den Körper, der sich plötzlich merkwürdig anfühlt.

Die Autorin Leslie Jamison

Die fremde Haut

Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Mit ihr nehmen wir Kontakt auf mit unserer Umgebung und sie ist die Schutzbarriere vor Eindringlingen. Sie ist eine Hülle, die fest zu uns gehört, von der wir beinahe jeden Zentimeter kennen. Doch was passiert, wenn sich die Haut gegen uns wendet?

Ihre Erkrankung äußerte sich auf viele verschiedene Arten: entzündliche Stellen, Juckreiz, Müdigkeit, Schmerzen und etwas, das man »Ameisenlaufen« nennt – das Gefühl, wimmelnde Insekten auf der Haut zu haben. Aber das entscheidende Symptom war immer das gleiche: eigenartige Fasern, die durch die Haut abgesondert werden.

Die Morgellons-Krankheit ist vermutlich nur den wenigsten bekannt, vor allem weil sie als Krankheit gar nicht annerkannt wird. Viele Ärzte halten sie für Dermatozoenwahn, also eine Einbildung. Doch die Betroffenen, die sich selbst Morgies nennen, halten daran fest, dass es mehr ist. Die amerikanische Essayistin Leslie Jamison hat ein als Kongress betiteltes Treffen der Morgies besucht. Im Rahmen ihre Erforschung des Mitgefühls beschäftigte sie auch die körperliche Erfahrung, also das Zusammenspiel von Geist und Körper. Deswegen hatte sie so ein großes Interesse an dieser so besonderen Krankheit, erzählt die Autorin.

Zu einem Teil habe ich mich zu dem Thema Morgellons hingezogen gefühlt, weil diese Leute ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben. Was auch immer der Mechanismus oder der Grund ist, sie erleben ihren Körper als feindliche Sache, eine Sache die seltsame Stoffe produziert, die sie nicht erklären können und nicht wollen. Ich wollte mit diesen Leuten sprechen, die dieses tiefe Gefühl von Unwohlsein in ihrem eigenen Körper haben. Ich hatte Mitgefühl mit dieser Erfahrung, es ist eine starke Form von Unbehagen.

In das Herz der Teufelskrankheit

Also konfrontiert Jamison sich mit diesen Menschen. Sie pflegt eine Form, die momentan in den Staaten Hochkonjunktur hat: die erlebte Reportage. Das heißt, die Autorin begibt sich in die Situation, trifft die Menschen und versucht diese mit literarischen Mitteln lebendig zu machen, wobei sie auch mit eigenen Innensichten arbeitet.

Das ist auch das Teuflische an ihrem Text: Jamison geht so nah an diese Betroffenen, dass der Leser alles von ihnen erfährt. Sie erzählen von einer Krankheit, die zum Teil nach Wahn klingt und zum Teil wie ein Horrorfilm. Plötzlich entstehen Bilder im Kopf, wie sich etwas unter der Haut bewegt, wie die Haut auf einmal seltsame Formen annimmt – schuppig wird oder merkwürdige Haare auftauchen.

Je länger man den Morgies zuhört desto verwirrter wirrt man. Sie sind so felsenfest davon überzeugt, dass da etwas in ihnen ist, sie sammeln Beweise und es muss ja eine Ursache haben. Aber vielleicht liegt die Ursache aber auch im eigenen Kopf – die Idee einer Krankheit schafft die Krankheit. Sie ist sogar viel schlimmer, berichtet Jamison, denn von der Einbildung kann niemand geheilt werden.

Die Übertragung

Doch das Schlimmste ist, das alles offen bleibt. Niemand von uns kann es wirklich wissen, ob es nun mehr als Einbildung ist. So kann es jeden treffen. Dieser Gedanke lässt den ganzen Körper kribbeln und die Hände wandern über die Haut und kratzen – hoffentlich nicht bis es blutet. Macht die Lektüre jetzt eigentlich nur auf das Kratzen aufmerksam oder verursacht sie es? So wird der Text körperlich, lässt spüren, was die Beschriebenen spüren und überträgt sich in den Lesenden.

Einen kurzen Moment flammt die Befürchtung auf, dass jeder von Morgellons getroffen werden kann. Vielleicht schlummert es schon in uns und braucht nur einen Anschub. Den Betroffenen ist nichts Außergewöhnliches widerfahren, die Krankheit überkam sie einfach. Ist der Gedanke krank oder löst der Gedanke die Krankheit aus? Und Gedanken sind etwas sehr Ansteckendes, durch überzeugende Worte setzt er sich im Kopf fest. So wird der Text zur Epidemie: Morgellons hat sich vielleicht in die Feder von Jamison festgesetzt und verbreitet sich – Kunst ist Pest.

„Teufelsköder“ ist der wohl bemerkenswerteste Text in Leslie Jamisons Essaysammlung „Die Empathie-Tests“. Hineinfühlen ist hier nicht nur eine Idee, sondern der Text macht fühlbar und wird körperlich. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich die Verbreitung des Textes empfehlen würde. Fragt lieber noch einmal den Seuchenschutz.

in: Leslie Jamison: Die Empathie-Tests, Hanser Berlin, 336 Seiten, 21,90€

Thilo

Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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