Gespräche unterwegs

Die Erzählungen von Saša Stanišić sind eine Fundgrube. Sie sind voller wunderbarer Wörter, kluger Sätze und einzelner Geschichtenfäden. In seinem Erzählungsband „Fallensteller“ reisen die Figuren zwischen dem Fremden und dem Bekannten hin und her. Da strandet einer in mysteriösen Fabrik, die Geschäftsreise eines Justiziars wird zu einer Odyssee und der Leser trifft Bekannte Namen aus dem Roman „Vor dem Fest“, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet werden. Über all das will ich reden.

Nur eine Frage, Saša Stanišić.

Auf einer Lesung aus seinem Buch „Fallensteller“ treffe ich den Autoren, für den ich bereits 2014 ein Interview vorbereitet habe (auch wenn das nur wenige wissen). Jetzt will ich mich noch einmal selbst mit ihm über seine Geschichten reden. Aber er ist so viel unterwegs, weil er sich auch um sein Kind kümmert. Also bleibt nur Zeit für eine Frage und wir verabreden uns, das Gespräch per Mail weiter zu führen. Also schicke ich ihm immer neue Fragen und sobald eine Antwort kommt, wird sie hier sofort veröffentlicht. So bleibt uns beiden immer viel Zeit zum Nachdenken.

Vielen der Geschichten ist auch anzumerken, dass sie auf der Reise, und aus der Reise heraus entstanden sind. Auch bei meinen eigenen Reisen erkenne ich viele Geschichten in den Menschen, aber ich kann sie nur erahnen. Du erzählst sie und erzählst auch von einem intensivem Reisen. Also: Wie reist Du?

So, 12.6. In der „Erfurter Bahn“ aus Saalfeld nach Erfurt, kurz vor Rottenbach

Im Sonntag in Thüringen sein auf dem Land am frühen Morgen. Im Sonntag von einem müden Mann aus der Pension abgeholt werden, auf dem Land unter einer Burg, von einem ehemaligen Stahlarbeiter, Vater, Volleyballtrainer, zum Bahnhof gebracht werden, Handschlag. Im Sonntag im Juni sein in einem leeren, kleinen Regionalzug, der wie eine Waschmaschine beim Schleudern summt. Bzzzz entlang einer Rinne von einem Fluss namens Rinne. Bzzzz am Angelpark Paulinzella vorbei. Aussteigen, angeln? Ja. Ist aber Sonntag, wer weiß, ob offen, sitzenbleiben also. Frage beantworten von T.K., dann weiter, immer weiter, gleich schon nicht mehr mit Notebook auf dem Schoss, sondern mit der Saale im Blick, vielleicht, wer weiß, wo die sich heute wieder herumtreibt. Nächster Halt ist „Singen“. Nächster Halt ist Bedarfshalt. Zum Aussteigen bitte Haltetaste drücken.

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Das hat jetzt bei mir wieder ganz schön lange gedauert. Auch ich bin in letzter Zeit viel mit dem Zug unterwegs – einmal morgens, einmal abends. Meistens bin ich viel zu müde oder in meinem Kopf schon (oder immer noch) an einer Haltestelle. Aber manchmal höre ich die Leute reden, über die Schule, über die Arbeit. Wenn ich Deine Geschichten lese, habe ich das Gefühl, dass auch Du gerne zuhörst, und vermutlich sogar noch einmal nachfragst. Wie begegnetest du also anderen Reisenden (im Zug und im Leben)?

Das täuscht ein wenig: Ich reise eher wie ein Fußballprofi; mit temporären Tattoos auf Unterarmen und Kopfhörern, in denen Helene Fischer wohnt. Ich meide zufällige Gespräche und bin auch kein Autor, der aus Alltagssituationen fantastische Erkenntnisse für sein nächstes Kranzsonett holt. Gerade sitzen zwei junge Angestellte des Technischen Hilfswerks vor mir im Zug und unterhalten sich über ihren Beruf sehr laut, weil sie kleine Westen tragen, auf denen THW draufsteht, das verstärkt die Stimme um so viel. Das ist potentiell eine interessante Unterhaltung, weil ich – genau zuhörend – grandiose Details über irgendwelche Maschinen, die sie bedienen, erfahren könnte, die ich dann in einer Geschichte als Expertenwissen einer Figur verkaufen könnte. Aber momentan habe ich auf meinem Rechner das großartige Spiel Mount & Blade installiert und setze in ca. 20 Sekunden, nachdem ich diesen Satz beendet habe, die Kopfhörer auf, und reite in die Schlacht.

Auch ich bin in letzter Zeit immer viel unterwegs, ständig in der Bahn, Straßenbahn, S-Bahn, U-Bahn, und ich sitze dabei immer zwischen Stillstand und Bewegung, logischerweise. im gleichen Maße bewege ich mich zwischen agilen Gedanken und festgesetzten Arbeitsmöglichkeiten, eingeklemmt zwischen Plastiksitzen. Also eine Frage, bevor ich mich in deine Geschichten vertiefe. Wenn du so viel unterwegs bist, für Lesereisen und Familie, wie kommst du da überhaupt noch zum Schreiben?

Die Antwort ist wieder eine recht pragmatisch gedachte: Da ich nur schreibe und nichts sonst tun muss zum „Broterwerb“, habe ich Zeit, mir auch neben den Reisen, Zeit zu nehmen für das Schreiben. Jetzt sind es drei Bücher, das ist nicht viel, aber gewisse Geregelheiten haben sich ergeben, die Recherche findet immer statt, am Anfang, zwischendurch und kurz vor Manuskriptabgabe auch, das Verfassen des Textes hat keine festen Zeiten, sondern folgt dem Prinzip der Lust und dem Vorhandensein von Ideen, nimmt aber immer gegen Ende des jeweiligen Buchs zu, dann sind es auch mal 12 Stunden quasi am Stück täglich. Aber auch auf Reisen gibt es viel Leerlauf, Warterei, die es zu überbrücken gilt, dann lese ich oder schreibe oder spiele Skyrim. Ich hoffe nur, die Zeit bleibt mir und die Ideen und die Reisen sowieso. Alles drei zu haben: großes Privileg.

Kroatien

Gerade im Urlaub in Kroatien…

Aber jetzt wollen wir endlich mal die Buchdeckel aufschlagen: Bei einer Lesung hast du gesagt, du wolltest Dir mit einigen dieses Geschichte in „Fallensteller“ auch beweisen, dass du eine Geschichte am Stück erzählen kannst, wenn ich mich richtig erinnere. Warum fällt Dir das so schwer und wie war es dann für dich, diese Erzählungen zu schreiben?

Warum es mir schwer fällt, geradlinig zu erzählen, kann ich nicht wirklich erklären. Ich finde das aber auch nicht immer schlecht, die Abschweifung, das Umständliche, den Umweg, das ist nun mal möglich in einem Roman. Es ist halt bloß anstrengend zu lesen; ich mag solche Texte als Leser meist selbst nicht, die puzzleartig vor sich hinbausteineln. Für das Dorf in „Vor dem Fest“ war das letztlich aber ein passendes ästhetisches Verfahren, denke ich, also den Ort und die Nacht in dem Ort so zu gestalten, dass nicht eine lineare Geschichte entfaltet wird, sondern vieles gleichzeitig nebeneinander steht.

Ja, und für die Erzählungen wollte ich das bewußt zu vermeiden versuchen, allein deswegen, weil die Erzählung, wie ich sie mag, kaum mehr als einen Faden hat, höchstens noch einen zweiten überraschenden einbringt, eine zweite Perspektive, einen guten Rückblick, so was, und das meine ich wieder rein aus dem privaten Lesevergnügen und nicht als Dogma. Es war für mich ziemlich schwierig, so zu schreiben und so nachzudenken, denn es geht auch schon um die Sortierung eigener Gedanken auf dem Papier, schwierig ja genau deswegen, weil es mir eben so schwer fällt, geradeaus zu denken, und die Einfälle, „was noch passieren könnte“ eben nicht zu bringen und nicht noch einen Schauplatz zu erfinden etc.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich schreibe, ohne zu wissen, warum und wohin. Ich folge nicht einem Plan. Ich habe nur etwas Kleines im Sinn, ein Gespräch, ein Ding, einen Menschen, und von da aus und mit dem gehe ich los, mal gucken, wohin.

Dennoch gelang es mir nicht bei allen Erzählungen. Auch obwohl im Nachhinein viel von dem gekürzt wurde, was zu viel und zu breit war. Hier und dort aber ließ ich auch das Überschüssige stehen, wo es mir zu gut gefiel.

In vielen deiner Geschichten gibt es etwas Magisches (vielleicht auch eher mythisches). Zu aller erst denke ich natürlich an die erste Geschichte deines Bandes. Wie innig siehst Du die Beziehung zwischen Magie und Literatur?

Weniger innig, als man es nach der Lektüre der Bücher eben vermutet. Ich interessiere mich für die Zauberei rein als Spielchen. Und für die Mythologie der Dinge und Orte rein aus Interesse an älteren Erzählformen, und gar nicht mal so sehr an dem, was dort erzählt wird. Also, wie baut eine christliche Dorflegende Spannung auf, wie löst sie die Perspektive-Frage, wie ist der Sound des Textes, so etwas. Ich schreibe oft bezugslos, also nur für den konkreten Moment in der Erzählung, und versuche nicht Verweise einzubauen, die auf die Vergangenheit oder die Legende oder das Magische zeigen. Die beiden Ebenen des Erzählens und des Erzählten stehen also nebeneinander als eigene Einheiten. Gerade in „Vor dem Fest“ kann man das gut darin sehen, dass die meisten Archiv-Geschichten und Mythen wenig bis nichts mit der Gegenwart zu tun haben.

… e-mails werden abgerufen …

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