Episode 14: Macht und Ohnmacht

Mit einiger Verspätung wollten wir mal genauer in den Highlight-Band der jüngst ausgezeichneten Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück reinlesen. Außerdem haben wir Stories von Carmen Maria Machado gelesen, die erstaunlich gut dazu passen.

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch, wie Lara und ich uns vor Jahren mal herausgefordert haben, etwas aus unserem Lese-Komfort auszubrechen. Sie suchte einen kurzen Essay-Band heraus und ich lieh ihr einen meiner Lieblingsgedichtbände. Damals war Lara nämlich nicht so für Lyrik zu begeistern. Das hat sich inzwischen wieder geändert.

Wir haben bereits bei unserer Bücherdiskussion am Ende des vergangenen Jahres kurz über den Literatur-Nobelpreis, Louise Glück und Gedichte auf Tumblr gesprochen. Dann fragte Lara mich, ob ich etwas von der hierzulande etwas in Vergessenheit geratenen Dichterin empfehlen kann. Ich selbst hatte gerade die Neuauflagen der deutschsprachigen Übersetzungen gekauft – und auch weil die Autorin selbst es empfiehlt, habe ich “Averno” genannt. Lara hatte dann Lust auch mit mir darüber zu sprechen.

Dann stellte sich natürlich die Frage, über welches andere Buch wir noch sprechen wollen. Weil Lara immer viel auf dem Tisch liegen hat und eine gut geführte Liste mit Wunschtiteln, schlug sie “Ihr Körper und andere Teilhaber” von Carmen Maria Machado vor. Auf den ersten Blick etwas vollkommen anderes: Short Stories statt Lyrik, Gruselgeschichten statt klassische Mythologie. Doch auch abgesehen davon, dass beide Titel für den National Book Award nominiert waren, hatten die Titel eine Menge gemeinsam.

Die Schrecken des Körpers

Wie ich schon in unserem Gespräch sagte, ist es immer etwas schwer, Erzählungsbände zusammenzufassen, weil es so viele Geschichte sind, von denen jede einzelne tiefgründig sein kann. Hier nehme ich mir mal den Raum und fasse jede Geschichte kurz zusammen

Erstens: Eine Frau erzählt im (Grusel-)Märchen ihres Ehe- und Familienlebens von ihrer sexuellen Hingabe, von der Geburt und dem Extrastich beim Nähen des gerissenen Damms und wie ihr Mann unbedingt die geheimnisvolle Schleife an ihrem Hals öffnen will. Zweitens: Eine Frau erzählt von allen sexuellen Beziehung, die sie hat, während sich eine höchst ansteckende und tödliche Krankheit ausbreitet. Drittens: Die Protagonistin wird von ihrer Freundin mit dem gerade geborenen Kind zurückgelassen und muss nun Muttergefühle entwickeln. Viertens: Die Krimiserie “Law & Order” in abgedreht, mit Benson, die von Geistern heimgesucht wird, Stabler mit massiven Familienproblemen, einen seltsamen Priester und Doppelgänger – aber alles mit orginalen Episodentiteln. Fünftens: Eine Frau arbeitet in einem Mode-Geschäft, dann als Putzkraft in einer Firma und führt eine intensive Beziehung mit einer Frau, während eine seltsame Krankheit Frauen sozusagen unsichtbar macht. Sechstens: Eine Frau ist mit ihrem Körper unzufrieden, lässt sich den Magen verkleinern, damit sie wie ihre Mutter nur noch “Acht Bissen” zu sich nehmen kann, und ist trotzdem unzufrieden. Siebtens: Eine angehende Schriftstellerin reist zu einer Künstler*innenresidenz um ihren ersten Roman zu schreiben, doch sie wird krank, fühlt sich angegriffen von den anderen Künstlerinnen und Künstlern, von der ganzen Landschaft und verzweifelt an ihrer Aufgabe. Achtens: Eine Frau kehrt nach einem traumatischen Erlebnis nach Hause und versucht an das gesellschaftliche Leben anzuknüpfen, aber scheinbar hat sich das Gefühl für Sexualität grundlegend verändert.

Ein Themenfeld zieht sich ganz klar durch alle Geschichten: Sexualität, (weibliche) Körper und Macht. Und etwas Unheimliches zieht sich durch alle Geschichten, die den Figuren und den Leser*innen das Gefühl geben, etwas lauert im Dunkeln und hat die Welt, so wie wir sie kennen nachhaltig verändert. Machado zeigt sich als virtuose Sprachkünstlerin, die es schafft mit ungewöhnlichen Sprachbildern ganz viel zu erzählen, nicht nur die Stimmung, sondern auch alles was unter der Geschichte brodelt. Bewundernswert! Deswegen habe ich die Geschichten gerne gelesen, aber oft haben sie mich auch etwas enttäuscht und schulterzuckend zurückgelassen. Aber vielleicht habe ich auch nicht den richtigen Standpunkt eingenommen, denn Lara war begeistert, weil Machado zwar das Genre der Gruselgeschichte nutzt, es aber mit ihren Frauenfiguren auch neu auflädt und Fragen nach Macht und Ohnmacht von Frauen in der heutigen Zeit stellt.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen (Klett-Cotta), 300 Seiten

Bis in die Unterwelt

In gewisser Weise ziehen sich diese Themen in dem Gedichtband “Averno” weiter. Louise Glück steht für eine klassische, akademische Lyrik, die zwar nicht unbedingt alte Vers- und Gedichtformen nutzt, aber doch sehr strukturiert daherkommt. In ihrem zehnte Band erzählt sie den Mythos der Persephone nach, die gegen ihren Willen in der Unterwelt bleiben muss. Mit klarer Rhythmik, meist kurzen Versen und nicht allzu abgehobenen Worten gelingt es Glück, den Mythos in eine unbestimmbare Gegenwart zu versetzen. Die Geschichte scheint gerade im Moment des Lesen zu passieren, ist ganz nah bei uns.

So kann sie fast schon beiläufig viele relevante Themen einflechten: Macht über Frauen, Beziehungen zur Mutter und unsere Sicht auf die Umwelt. Natürlich sind die Gedichte in gewisser Weise zahm, manchmal in ihrer Sprache sogar etwas simpel. Der Band wirkt vor allem in seiner Gesamtheit: Die Gedichte stehen zwar für sich, aber dennoch zieht sich die Geschichte der Persephone durch das ganze Buch und wird so von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Sicherlich gibt es Gedichtbände, die mich mehr überrascht und auf positive Weise verwirrt haben, aber “Averno” von Louise Glück war eine schöne Leseerfahrung, weil ihre Verse Eleganz und Tiefgang haben. Ich würde dieses Buch jeder Gedichtleser*in empfehlen. Lara wäre da etwas vorsichtiger, weil sie der Band nicht komplett überzeugt hat, und würde ihn nur solchen Leser*innen ans Herz legen, die sich mit griechisch-römischer Mythologie beschäftigen.

Louise Glück: Averno, Luchterhand, 176 Seiten

Thilo

Thilo

Hat sich von einer anfänglichen Faszination für Bücher, über erste Leseerfolge zum Bibliomanen entwickelt. Eigentlich hat der Kulturjournalist nur aus Langeweile gelesen, hier mal ein Buch im Zug, mal eines im Urlaub, mal ein bisschen vorm Einschlafen. Nach unausgegorenen Berufswünschen wie Koch, Hornist oder Schauspieler, verschlägt es ihn zum Studium der Theaterwissenschaft nach Leipzig und in die Redaktionsräume des Ausbildungsradios mephisto 97.6. Ganz beiläufig lässt er hier fallen, dass er eigentlich ganz gerne mal ein Buch lese. Schon einen Monat später leitet er – hopplahopp – die Literaturredaktion und Lesen wird zum Exzess (in den Tagen vor Buchmessen liest er gerne Nächte und Tage durch). Inzwischen spricht er hin und wieder bei MDR Kultur und dem Deutschlandfunk über Literatur, Theater, Musik, neue Medien und alles was die Leute (oder: ihn) interessiert. Sein Ziel: Der nächste Marcel Reich-Ranicki (und ein bisschen Gerhard Stadelmaier) werden – nur besser aussehend … und vielleicht etwas umgänglicher. So lange vergnügt er sich weiter auf schraeglesen.de

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